Freitag, 23. Juni 2023

20. Juni 2023 Page AZ - Grand Canyon National Park (North Rim) AZ

Egal was man sagt, die Matrazen in den hiesigen Unterkünften sind immer klasse; nicht eine war bisher durchgelegen oder sonstwie unbequem, so auch hier. Damit endet aber auch das Positive in diesem Hotel.
Das Frühstück ist gelinde gesagt ein Alptraum. Wie so oft ist die Auswahl überschaubar, und alles wird einzeln abgepackt dargereicht, hier selbst die Bagels. Dazu hat man die Wahl lediglich zwischen zweierlei Marmeladen, Frischkäse, Sirup und Erdnussbutter - alles in kleinen Plastikdöschen. Schlimmer ist jedoch die Atmosphäre in diesem nackten Saal: Er erinnert weniger an das Frühstücks- Etablissement eines Dreisterne-Hotels als eher an eine sterile Gefängniskantine; selbst die Frau, die die Ausgabe der Frühstücksbestandteile organisiert, hat sich in Habitus und Gesichtsausdruck diesem Ambiente zugewandt. Parallel zu uns frühstücken eine Vielzahl von anderen Gästen, darunter viele Asiaten, es herrscht ein Tohuwabohu des Kommen und Gehens, des Aufstehens und Hinsetzens, des Geplappers und des noch lauter Sprechens. Grauenhaft.
Wir wollen heute als erstes zum Horseshoe Bend, der bekannten Hufeisenkurve des Colorado Rivers. Als ich in 2015 für eine später leider abgesagte USA-Reise diese Location per Google Maps recherchierte, war dies ein einfacher Schotterparkplatz am Rande der US 89, von dem aus ein breiter Trampelpfad zum Aussichtspunkt führte. Heute ist alles organisiert, geordnet und kommerzialisiert: Der Parkplatz ist geteert und markiert, der Trampelpfad ist einem geschotterten Promenadenweg mit überdachten Rastplätzen gewichen, und das ganze kostet ordentlich Eintritt bzw. Parkgebühr; es fehlt eigentlich nur noch der Gift Shop. Mit uns auf diesem Weg pilgern die Hundertschaften der Instagram- Generation; nur die allerwenigsten machen keines dieser "Ich stelle mich irgendwie vor eine Sehenswürdigkeit und lasse mich dabei knipsen"-Fotos.
Was jedoch gleich geblieben ist und weswegen sie und wir alle kommen ist der Traumblick auf die Schleife des Colorado, der sich jetzt zur Mittagszeit als perfekt ausgeleuchtet präsentiert. Man steht in Scharen und staunt, muss dabei aber nicht wie zum Beispiel am Mesa Arch Schlangestehen.
Nach kurzem Fahren in die falsche Richtung bemerken wir unseren Fehler und verlassen Page in der richtigen Richtung. Von diesem Ort bleibt uns als einziges die Gewissheit, dass wir hierher nie wieder beziehungsweise wenn doch höchstens auf der Durchreise ohne Anhalten herkommen werden.
Auf der US 89 rollen wir wieder durch Halbwüste Richtung Flagstaff, als die Straße plötzlich von der Hochebene auf spektakulär- alpin anmutender Trasse durch den Steilhang ins Tal des Colorado Rivers absteigt.
Hier wechseln wir den US-Highway von 89 auf 89A, fahren einen kilometerlangen Bogen parallel zum Colorado in die eigentlich falsche Richtung und überqueren schließlich den Fluss. Auf der anderen Seite führt die Straße unter den gigantischen Felswänden der Vermillion Cliffs hindurch und an einigen kleinen pilzartigen Balanced Rocks vorbei. 
Nach etlichen Kilometern steigt sie an und gewährt uns einen letzten Blick in diesen Teil der Colorado-Schlucht.
Nun geht es durch Wald bis zum Abzweig der Straßen zum North Rim des Grand Canyon, in die wir einbiegen. Auf den nun folgenden 40 Meilen sind bis auf den kaum vorhandenen Verkehr nur wenige Dinge interessant: Ein Waldbrand, der zum Glück völlig unter Kontrolle nur noch vor sich hin qualmt; das Wildwechsel-Schild, dass uns vor Bisons warnt und die Einfahrt in unsere Übernachtungs-Location Kaibab Lodge, wo wir für das Einchecken jedoch zu früh sind.
Zur Nationalpark-Einfahrt ist es nicht mehr weit. Hinter der Kontrolle wird die Straße kurviger, gelegentlich liegt Schnee im Schatten zwischen den Bäumen, die frisches Grün tragen.
Die Anfahrt zur Nordseite des Grand Canyons unterscheidet sich stark von der Südseite: Dort fährt man durch die Wüste und Steppe, erst unmittelbar vor der Kante kommt man durch ein schmales Waldstück; hier im Norden sieht es aus wie im Schwarzwald. Alles dicht bewaldet, von Wüste keine Spur.
Eigentlich hatten wir ja eine kleine Hütte in der Grand Canyon Lodge gebucht - in Steinwurfweite von der Schlucht-Kante entfernt. Wegen eines schneebedingten Rohrleitungsschadens war uns jedoch drei Wochen vor unserem Abflug leider abgesagt worden. Als wir die Hütten passieren, ist dort auch tatsächlich alles verlassen. Der Campground wird wohl durch Tanklaster mit Wasser versorgt, ein solcher LKW war uns entgegengekommen.
Es ist kaum etwas los hier, der überschaubar große Parkplatz nur halb gefüllt. Nur 10 Prozent aller Besucher des Grand Canyon National Parks kommen hierher, die Massen ballen sich auf der Südseite, wie auch wir 2019 am Memorial Day Wochenende miterleben konnten.
Am kleinen Visitor Center und dem Hauptgebäude der Lodge vorbei sind es nur wenige Schritte bis zur gigantischen Aussicht. Wir blicken auf eine tiefe Seitenschlucht, die auf den Hauptcanyon mit dem von hier aus unsichtbaren Colorado River zuläuft, über dem quer die riesige Schluchtwand der Südküste aufragt. Alle Felsen werden von der Nachmittagssonne ausgeleuchtet, was den Felsen und Türmen eine tolle Mischung von Rottönen und unglaubliche Struktur verleiht.
Während Susanne und Oskar im Windschutz der Terrasse der Lodge bleiben, gehe ich auf einem zwar geteerten, aber am Rand zum Teil recht ausgesetzten Weg zum 
Bright Angel Point, einem auf einer Felsnase angelegten Aussichtspunkt. Von diesem ist der spektakuläre Blick noch ein wenig umfassender. Sogar die Anlagen am weit entfernten South Rim und Teile des Talabstiegs von dort lassen sich erkennen.
Die Nordseite schaut ganz anders aus als die Südseite, sie ist deutlich zerklüfteter, es gibt viel mehr Seitenschluchten und Felsformationen, und man ist dadurch deutlich weiter vom Colorado entfernt. Das liegt an der Niederschlagsmenge, wie eine Tafel erläutert; der North Rim liegt höher als sein südliches Gegenüber, was die Niederschlagsmenge vervielfacht. Das erklärt auch den üppigen Waldbewuchs auf dieser Seite der Schlucht.
Im Visitor Center holen wir uns unseren Nationalpark-Stempel und kaufen ein paar Postkarten. Dabei kommen wir mit dem Parkranger Philip ins Gespräch. Er erzählt, dass der letzte Winter auch hier extrem viel Schnee gebracht hat, weshalb die Lodge wohl erst am 21. Juli öffnet. Und vom Maultier Birdy, das angeblich jeden Weg und jeden Pfad im Grand Canyon kannte. Schließlich ernennt er Oskar noch zum North Rim Junior Park Ranger. 
Da wir ja nicht im Nationalpark übernachten können fahren wir das Stück bis jenseits der Parkgrenze zur Kaibab Lodge zurück. Dabei sehen wir sogar noch drei Deers auf einer großen Wiese nahe der Straße. 
In der Lodge beziehen wir ein gemütliches Zimmer in einem der Häuser auf dem Anwesen.
Man offeriert hier auch ein Dinner Buffet, zu dem wir nach einem Blick auf die verführerische Speisekarte nicht nein sagen können. 
So speisen wir fürstlich und lecker, und sind am Schluss völlig zufrieden.