Samstag, 8. Juli 2023

30. Juni 2023 Mill Valley CA - San Francisco CA

Das Aqua Hotel Mill Valley hält bei dem in einer Art Atrium über der Eingangshalle dargebotenen Frühstück das Niveau, kann uns aber nicht restlos überzeugen. Es gibt einen gut gepflegten Obstteller, an dem sich Oskar gütlich tut und selbständig nachnimmt, der Waffelteig für das Selbstbedienungswaffeleisen ist nicht die übliche geschmacklose Pampe sondern richtig gut, es gibt neben Rührei und vegetarischem Auflauf auch Bacon und leckere Würstchen, und die kleinen Kuchen und Muffins sind der Hammer; Abzüge in der Bewertung sind jedoch der schlicht ungenießbar starke Kaffee und die Tatsache, dass das starke Angebot nicht über die gesamte Frühstückszeit hinweg aufrecht erhalten wird: Als die Würstchen aus sind, zuckt die Bedienung auf meine Bitte zum Nachlegen nur mit den Schultern, gleiches gilt für den Kuchen, nachdem die letzten verspeist waren. Wer hier zu spät zum Frühstück kommt schaut in die Röhre. Beim Wein gestern Abend war man ungleich spendabler und öffnete auch fünf Minuten vor Buffet-Ende noch eine Flasche Sauvignon Blanc. Für ein Hotel dieser Klasse ist das eigentlich ein Unding.
Nach dem Frühstück finalisieren wir das Packen, sortieren insgesamt das Volumen von zwei Müllkörben aus - Prospekte, Verpackungen, irgendwelcher Kram, der sich angesammelt hat, alles was nicht mehr gebraucht wird -, versuchen, alle zerbrechlichen Souvenirs sicher zu verstauen, und sind am Ende ein wenig überrascht, dass alles doch weitgehend problemlos in die Koffer passt.
Die restlichen Lebensmittel und Wasserflaschen sammeln wir in der ebenfalls auszusortierenden Kühlbox, um sie wenn möglich unterwegs einem Bedürftigen in die Hand drücken zu können.
Von dem faltbaren Campingstuhl mag ich mich nicht so ohne weiteres trennen; ich werde ihn als weiteres - eigentlich unzulässiges - Handgepäckstück über die Schulter nehmen und bin gespannt, wie weit ich damit komme.
Um 11:04 Uhr checken wir aus, prüfen noch einmal alle Ablagefächer, den Boden und überhaupt jeden Winkel des Tahoe-Innenraums und starten zum letzten Mal den tief brummenden Motor.
Auf der US 101 stehen nur noch San Francisco und die Golden Gate Bridge angeschlagen, es gibt heute keine alternativen Routen mehr.
Lagen Mill Valley und die nördliche San Francisco Bay noch in der Sonne, zerschlägt sich, als wir den Tunnel vor der Brücke verlassen, die Hoffnung auf ein nebelfreies Brückenpanorama: Der erste Turm der Brücke ist gerade so zu sehen, dahinter liegt nur weißgraues Wabern.
Trotzdem steuern wir den wohl bekanntesten View Point der Westküste an. Auf einem Loop-Drive geht es erst mit Ampelbetrieb als Einbahnstraße durch einen langen Tunnel - hier ist erstaunlicherweise auch ein Auto entgegen der auf grün stehenden Fahrtrichtung eingefahren -, dann fährt man an einigen Aussichtspunkten vorbei, bis schließlich am hochfrequentierten Parkplatz an einer alten Küstenfestung der Weg zum der Brücke nächsten Ausblick beginnt. Der stürmische Wind pfeift, die Nebelbank bleibt konstant - Susanne entscheidet, mit Oskar im Auto zu bleiben, und drückt mir die Daumen, dass sich mit etwas Geduld doch ein schöner Blick ergibt.
Es ist schon ein bizarres, ja ein wenig gespenstisches Panorama, dass sich mir am Ende des Weges bietet: Unter mir die nördliche Brückenrampe, vor mir in bester Sonne der markante Nordpfeiler der Golden Gate Bridge, die Seile der dahinter liegenden Hängebrücke und die Fahrbahn verschwinden bald in einer weißen Nebelwand, die vom Meer her beständig Nachschub erhält, während sie im Sonnenlicht über der Bucht rapide an Kraft verliert, so dass sie nach einigen Kilometern in immer flacher werdenden Nebelbänken ausläuft. 
Die andere Hälfte der Brücke, der zweite Pfeiler, das gegenüberliegende Ufer oder gar San Francisco sind völlig unsichtbar; der einzige Hinweis, dass irgendwo im Nebel etwas ist, ist das beständige Tuten eines tieffrequenten Nebelhorns.
Ich warte, dem kühlen Wind trotzend, geduldig auf den "Magic Shot", wie es ein neben und mit mir wartender Fotograph aus Illinois ausdrückt. Ein einziges Mal spaltet sich irgendwann der Nebel, und man kann den Südpfeiler zumindest erahnen. Danach ist alles sofort wieder zu. 
Auch unsere anschließende Fahrt über die berühmteste Brücke der Welt wird eine Reise ins neblige Ungewisse. Es nimmt ihr doch ein wenig die Magie, wenn man den Südturm erst erkennt kurz bevor man unter ihm hindurchfährt.
Wir hatten also wieder kein Glück an der  Golden Gate Bridge, und so warte ich weiterhin auf ein Foto mit einem vollständigen Blick auf die Brücke - vielleicht beim nächsten Mal, man muss ja noch Träume und Ziele haben.
Die US 101 führt uns durch den Park von Presidio geradewegs in den Stadtverkehr von San Francisco hinein. Das zu Rate gezogene Navi schlägt uns vor, statt auf der 101 zu bleiben eine wohl geringfügig kürzere Fahrt auf einer Straße quer über einen der Berge der Stadt, den wir einschlagen. Diese ebenso steilen wie ikonischen Straßen mit den terrassenartig eingearbeiteten Querstraßen haben schon was Besonderes, und wie schon vor vier Wochen hat man beständig den Eindruck, Teil einer Filmkulisse zu sein:  Mit Karl Malden und Michael Douglas am Set von DIE STRASSEN VON SAN FRANCISCO, bei der Verfolgungsjagd von Steve McQueen in BULLIT, oder jeden Moment Clint Eastwoods DIRTY HARRY zu begegnen.
Wir halten Ausschau nach einem potenziellen Abnehmer unserer Kühlbox, aber alles was wir sehen ist ein Auffahrunfall auf der Gegenspur, der einen Rückstau bis auf die US 101 verursacht, auf die wir nun auch wieder auffahren.
Zum Flughafen und der Rental Car-Rückgabe ist es nun nicht mehr weit. Unser Tahoe hat uns exzellente Dienste geleistet und war uns über vier Wochen und insgesamt 7.819 Kilometer unser zuverlässiger Begleiter, wir trennen uns mit ein wenig Wehmut von ihm. Die Rückgabe-Prozedur geht wie bei amerikanischen Autoverleihern gewohnt rasend schnell und professionell von statten, dauert kaum 90 Sekunden, und schon nach wenigen Minuten liegt uns die Mail mit der Rückgabebestätigung einschließlich aller Daten vor.
Unser restliches Wasser und die Kühlbox überlassen wir den Jungs an der Rückgabe, und fahren dann mit der Flughafenbahn zum Internationalen Terminal.
Vor dem CheckIn steigt unverhofft die Spannung. Eine der Damen am Schalter scheint die Gepäckregeln übergenau zu interpretieren und wiegt sogar das Handgepäck; wir beobachten diverse intensive Diskussionen zwischen ihr und den Passagieren, während bei ihren Kollegen alles glatt zu laufen scheint. Bei uns ist ein Koffer bis exakt zum Gewichtslimit gepackt, ein anderer wiegt nur knapp weniger; das Handgepäck ist deutlich kritischer und liegt zumindest bei mir höchstwahrscheinlich im zuzahlungspflichtigen Bereich, zudem ist der kleine Handgepäckskoffer von Oskar in den Ausmaßen zumindest diskutabel, und ich habe ja noch den Campingstuhl, aber der wäre entbehrlich.
Jedoch haben wir Glück und gelangen an eine freundliche Lufthansa-Mitarbeiterin, die uns routiniert und ohne Fragen das Gepäck abnimmt, während nebenan ein Reisender sein Handgepäck vergeblich in die - von mir bei Lufthansa erstmals gesehene - Handgepäck-Abmessungsbox à la Ryanair stecken muss. Eine der ganz großen Vorzüge von Lufthansa war stets, dass sie im Gegenzug zu den nicht gerade preisgünstigsten Tickets die Handgepäcksregeln nicht zu sklavisch interpretieren. Hoffentlich macht das Beispiel der Dame hier in SFO keine Schule. 
Wir verbringen anschließend anderthalb Stunden in einem der Flughafenrestaurants bei einem letzten Burger, dann schließen wir uns der mal langen, mal längeren Schlange beim Security Check an. Wie schon bei der Einreise ist dieser Flughafen hier bestens organisiert; die Menschenmassen passieren in hohem Durchflusstempo die Ausreisekontrolle und die dahinter liegende Security; kein Vergleich zu Los Angeles, wo wir an äquivalenter Stelle zweimal ewig lange warten mussten. Mein Campingstuhl wird bei der Prozedur nicht beanstandet, die Hoffnung steigt, dass ich ihn bis nach München mitnehmen kann.
Am Gate steht die Maschine schon bereit; diesmal ist es der D-AAAA "Göttingen", einer der neueren A350 der Lufthansa. Oskar und ich schauen interessiert den Abfertigungsprozeduren zu, bis wir uns zum Einsteigen fertig machen.
Wir haben die gleichen Plätze wie auf dem Hinflug; leider ist die Maschine überbucht, so dass Susannes Hoffnungen auf einen freien Platz neben sich diesmal wohl vergeblich sind.
An Bord wird Oskar von einer sehr netten Stewardess Willkommen geheißen, er bekommt zur Begrüßung direkt eine Packung Gummibärchen, und auch danach liebevollen Aufmerksamkeiten. 
"All doors in flight", wir legen pünktlich ab und starten auf der Bahn 28L in die zunehmende Abenddämmerung. San Francisco gleitet unter uns hinweg, die Golden Gate Bridge liegt jedoch weiterhin im Nebel, es soll einfach nicht sein.
Dann fliegen wir in die Nacht, die Lichter unter uns werden rasch kleiner und verbergen sich irgendwann unter einer dichten Wolkenschicht. 
"Bis zum nächsten Mal, Amerika. Take care, see ya soon."

Freitag, 7. Juli 2023

29. Juni 2023 Point Arena CA - Mill Valley CA

Unser letzter Tag on the Road. Die Küste vor dem Hotelzimmerfenster hat sich passenderweise in Nebel gehüllt, das Meer ist kaum zu erkennen.
Wir frühstücken den Rest unseres Proviants, dazu holen wir uns leckeren Kaffee von der Rezeption.
Auch auf dem Weg zu unserem ersten Ziel, dem Point Arena Lighthouse, will sich der Nebel nicht lichten, scheint im Gegenteil immer dichter zu werden. Von der Einfahrt und Kasse des State Parks aus ist gerade einmal das Fundament des Leuchtturms zu erahnen. So macht eine Besichtigung keinesfalls Sinn. Etwas enttäuscht kehren wir also wieder um und machen von einer nahegelegenen Klippe aus ein paar Stimmungsbilder von der nebligen Küste, ohne Leuchtturm. 
Hier am Cap Point Arena ist Amerika Hawaii am nächsten, darauf macht das nahegelegene Lighthouse Point Resort aufmerksam als "First Cafe since Hawaii" beziehungsweise "Last Cafe Till Hawaii", je nachdem.
Einige Meilen südlich ein völlig anderes Bild: Wir fahren aus dem Nebel heraus in die helle Sonne. Warum der Nebel einen Teil der Küste verschont und den anderen nicht? Wir werden heute noch ein paar Mal die Nebelgrenze durchfahren, vom Trüben ins Licht und umgekehrt. Nur draußen auf dem Meer hält sich die Suppe hartnäckig.
Wieder macht die Fahrt entlang der einsamen Küste einfach nur Spaß. Ein schöner Ausblick folgt dem nächsten, mehrmals halten wir während der sonnigen Passagen an den View Points an und genießen die herrliche Stimmung. 
Einen längeren Besichtigungsstopp machen wir im Fort Ross State Historic Park. Von 1812 bis 1841 war Fort Ross - der Name kommt vom russischen Россия / Rossija für Russland - eine befestigte Siedlung des zaristischen Russlands und Niederlassung der "Russisch-Amerikanischen Handelskompanie in Kalifornien. Als südlichster Außenposten Russisch-Amerikas diente es sowohl als Stützpunkt für die Pelztierjagd als auch der Versorgung von russischen Handelsniederlassungen in Alaska mit Lebensmitteln. Mit dem Rückgang der Seeotterbestände, unzureichenden Erfolgen in der landwirtschaftlichen Nutzung und zunehmenden Schwierigkeiten, ihre Gebietsansprüche gegen den wachsenden Druck durch mexikanische und amerikanische Siedler aufrechtzuerhalten, erwies sich die Siedlung seit den 1830er Jahren zunehmend als unwirtschaftlich und wurde schließlich aufgegeben. Heute erinnert eine gut gemachte Teil-Rekonstruktion der Befestigungsanlage samt Kirche und einiger Häuser an die russische Kolonialhistorie in Amerika. Der Rundgang macht Spaß, zeigt er doch einen uns völlig neuen Aspekt der Geschichte Amerikas.
Kurz darauf erreichen wir eine Steilküste, an der die Straße hoch über dem Meer geführt wird; wie schon an anderen Stellen während unserer Reise sind auch hier die Leitplanken eher in homöopathischer Häufigkeit gesetzt, was dieser Passage einen unwillkommenen Nervenkitzel verleiht. An höchster Stelle erreichen wir eine Baustelle samt Sign Man. In schwindelerregender Höhe stehen dort die Baufahrzeuge gefühlt direkt am Abgrund, kein Arbeitsplatz für Zartbesaitete.
Direkt dahinter fahren wir in den Mündungsbereich des Russian Rivers hinab. Hier liegen auf einer großen etwas entfernten Sandbank Seelöwen in langen Reihen in der Sonne, ein Anblick, der uns an Piedras Blancas bei Santa Barbara erinnert, wo wir den Tieren ganz nahe kommen konnten.
Weiter geht's entlang der Küste und ihrer schönen Buchten und herrlicher Felsen und Kliffs. 
Nach Bodega Bay, Schauplatz von Hitchcocks DIE VÖGEL fahren wir nicht hinein; dort lassen sich zwar noch einige der weit auseinander liegenden Drehorte erahnen, viel spektakulärer ist da jedoch das wenige Meilen entfernt im Landesinneren gelegene Bodega: Hier findet sich die von Hitchcock als Schauplatz auserkorene Schule. Bis auf die viel größeren Bäume hat sich das aus dem Film vertraute Gebäude kaum verändert, auch die Straße, auf der die Kinder bei ihrer Flucht entlang laufen, ist noch erhalten.
Nur das Spielgerüst, auf dem sich die Vögel in der gespenstischsten Szene des Films versammeln, während sich Tippi Hedren und Suzanne Pleshette ahnungslos davorsitzend unterhalten, ist nicht zu entdecken. Ein irgendwie surreales Gefühl, dass genau hier der Größte aller Regisseure am Set gesessen und die Dreharbeiten gelenkt hat. 
Wir sind nicht die einzigen Besucher, es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen: Eine Oldtimer-Ralley führt hier vorbei und sorgt für einen stilvollen Vordergrund, Oskar darf sogar mal Probesitzen in einem der Oldtimer. Eine Familie aus Texas läuft wie damals die Schulkinder auf Papas Handykamera zu, eine Gruppe Asiaten macht Selfies; "Did you see the movie?" fragt mich eine Frau; "A Hundred times" antworte ich; "Me too"  - lächelndes Einverständnis unter Filmfans.
Langsam aber unabänderlich nähern wir uns nun San Francisco und kosten daher jede Meile aus. In Tomales, einem Dorf an der hier zur Nebenstraße gewordenen California #1, kaufen wir uns in einem Deli leckere Cordon Bleu-Sandwiches und essen sie auf einer Bank vor dem Geschäft. Das Dorf erscheint wunderbar gemütlich mit General Store, Post Office, einer Wirtschaft namens William Tell House sowie einem früheren Bankgebäude, das heute "Not a Bank" heißt und eine teure AirBnB-Unterkunft ist, die Susanne noch aus ihrer Suche nach  Übernachtungsmöglichkeiten kennt.
Nach einigen Meilen kommen wir ein letztes Mal an den Pazifik und fahren an der fjordartigen Tomales Bay entlang. Hier umhüllt uns auch wieder der Küstennebel. In Nicks Cove, einer winzigen Siedlung mit großem Seafood-Restaurant, ergibt sich ein stimmungsvolles Bild mit einem großen ins Wasser und in den Dunst hineinragenden Steg vor einer kleinen Insel.
Pont Heyes bildet das Ende der Bucht. Kurz dahinter wenden wir uns vom Meer ab, verlassen die California #1 und fahren auf einer kleinen Straße durch Farmland und den Wald des Samuel Taylor State Parks westwärts. 
Fairfax und San Anselmo heißen die Städtchen unterwegs, sehr sympathische Gemeinden; hier könnte man sich niederlassen, was man ja weiß Gott nicht von sehr vielen amerikanischen Ortschaften sagen kann.
Wieder einmal stoßen wir auf die US 101, folgen ihr eine Handvoll Meilen südwärts und erreichen in Mill Valley das an einem Ausläufer der San Francisco Bay gelegene Aqua Hotel Mill Valley, unsere letzte Unterkunft.
Das Haus hat Klasse, das merkt man sofort. Der Empfang ist sehr freundlich, das Zimmer mit Terrasse gefällt uns gut, und es gibt ein nachmittägliches Buffet mit Wein, Käse und ofenwarmen Cookies, an dem wir uns reichlich bedienen. 
Dann fangen wir an mit dem Packen; es gilt, unsere über das Auto und diverse Taschen und Tüten verteilten Habseligkeiten in drei große und einen kleinen Koffer zu konzentrieren.
Da der Abend spät wird bevor wir fertig sind, vertagen wir nach einem letzten Schluck Wein den restlichen Packstress auf morgen.