Unsere Nachbarn sind schon um halb sechs aktiv. Sie sind so laut - und die Zimmer so hellhörig -, dass sie nicht nur Susanne wecken, sondern auch der Maus, die piepsend durch unser Zimmer streift, einen gehörigen Schrecken einjagen.
Da die Nachbarn dann auch zeitig das Zimmer verlassen und ausgecheckt haben, denkt sich der Zimmerservice, dass er ja dann auch früher ins Zimmer kann. Eventuelle Langschläfer würden sich jedenfalls geärgert hiaben, wenn nebenan um zehn nach acht lautstark das Housekeeping beginnt.
Wir sind da jedenfalls schon wach und frühstücken. Meine Erkältung ist nicht besser geworden, aber auch nicht schlimmer - vielleicht ein gutes Zeichen.
Da wir uns gestern alles Sehens- und für uns Erreichbare angeschaut haben, verlassen wir den Nationalpark ohne weiteren erneutes Sightseeing und fahren in vielen Kurven wieder vom Mesa Verde-Tafelberg herunter.
Seit gestern hat sich ja leider unsere Reiseroute wieder Richtung Pazifik ausgerichtet. Innerhalb kürzester Zeit wechselt die Außenwelt von üppig grüner Landschaft auf Steppenvegetation.
Spaßeshalber fahren wir auf der Straße eine Handvoll Kilometer bis über die Staatsgrenze nach New Mexico, drehen dann aber wieder zurück nach Colorado, um auf einer kleineren Straße die Grenze nach Utah zu überqueren. Entlang des San Juan River, der wirkt wie eine langgezogene Oase in der hier absolut trostlos wirkenden Wüste, kommen wir nach Bluff. Neben den Twin Rocks, einer interessanten Felsformation, entdecken wir hier einen alten vor sich hinrostenden Feuerwehrwagen und weitere Oldtimer, die Oskar natürlich faszinierend findet.
Kurz darauf ist es Zeit für die Mittagsbrotzeit; da trifft es sich gut, dass es am San Juan River die Sand Island Recreation Area gibt. Hier stehen Picknicktische unter kleinen schattenspendenden Dächern, genau das Richtige bei der hier herrschenden Hitze.
Wir bleiben nicht allzu lange sitzen. Susanne fühlt sich ein wenig schlapp, hoffentlich habe ich sie nicht angesteckt. Jedenfalls wollen ein den Rest der Etappe nun zügig hinter uns bringen.
Als wir losfahren, bemerkt Oskar, dass die Heckklappe noch auf ist; die haben wir beim Einpacken einfach vergessen zu schliessen. Zum Glück ist nichts rausgefallen, und zum Glück haben wir so einen aufmerksamen kleinen Beifahrer.
Dass wir uns dem Monument Valley nähern, lässt sich leicht erkennen: Die Felsformationen um uns herum werden immer spektakulärer, und kurz vor dem ebenso verschlafenen wie vernachlässigt wirkenden Nest Mexican Hut kommen am Horizont die berühmten Felsen selbst in den Blick.
Am "Forrest Gump Point" stehen sie dann in aller Pracht vor uns. Hier werden die bekannten Bilder gemacht mit der sich zwischen den Felstürmen verlierenden Landstraße; und auch heute stehen fotographierende Touristen hier, selbst der Fahrer eines Sattelschleppers macht es ihnen und uns gleich und fährt rechts ran, um ein Foto zu machen.
Die Fahrt zwischen den Felsbastionen hindurch ist episch. Wie schon beim letzten Mal in 2019 können wir uns nicht satt sehen an diesem landschaftlichen Gesamtkunstwerk.
Wir haben heute reserviert in der Goulding Lodge, einem Hotel mit Ferienhäusern mit direktem Blick auf die Felsen.
Wir haben Glück: Unser Haus steht in der ersten Reihe, keines der vielen Häuschen steht vor uns in der Sicht.
Und auch sonst ist unsere heutige Unterkunft ein Traum: groß, sauber, zwei Schlafzimmer, top gepflegt. Nur die Klimaanlage müssen wir ein wenig nachjustieren; bei 58 Grad Fahrenheit (15 Grad Celsius) fröstelt man schon beim Türaufschließen.
Danach wollen wir noch näher ran ans Geschehen. Mit dem Monument Valley Scenic Drive kann man auf eigene Faust einen großen Teil des Geländes befahren. Zur Einfahrt zum Schutzgebiet ist es nicht weit. Zwar ist das Monument Valley ein National Monument, es steht jedoch unter Navajo-Verwaltung, also gilt unser Jahrespass nicht.
Auf dem Weg zur Einlasskontrolle passieren wir die Staatsgrenze nach Arizona, der vierte Staat heute.
Hinter dem Visitor Center und dem unbezahlbaren Navajo Hotel "The View" - der Name ist in dieser Toplage Programm - biegen wir ein in den Scenic Drive, der eine unasphaltierte in Strecken ziemlich grobe Gravel Road ist. In diesem Terrain fühlt sich unser Chevy Tahoe wohl und meistert alle Unbillen der Piste souverän, und Susanne rumkurvt geschickt alle größeren Schlaglöcher.
Jetzt am Spätnachmittag stehen die berühmten Felstürme im besten Licht, ein toller Anblick. Dazu herrscht jedoch starker Wind, der in den Windkanälen zwischen den Monolithen gelegentlich sandsturmartige Züge annimmt.
Absoluter Höhepunkt der Fahrt ist der John Ford Point, ein Weltklasse-Outlook auf gefühlt das ganze Tal.
Hier schlägt das Herz des Westernfans in mir hoch, ist das doch genau die Sicht, die man in Dutzenden von Filmen gesehen hat.
Hier stellt sich - gegen Bezahlung - auch gelegentlich ein Reiter in Positur und schafft so das perfekte Westernambiente. Heute haben er und sein Pferd jedoch schon Feierabend. Das Pferdchen mampft in einem kleinen Stall gemütlich sein Heu.
Wir rumpeln anschließend den Loop des Scenic Drives, kommen noch an vielen schönen Ausblicken vorbei, und wundern uns, mit welchen Fahrzeugen diese schlagloch- und knubbelübersähte Piste befahren wird, unter anderem sehen wir einen Ford Mustang.
Zurück an unserem Häuschen warten wir auf den Sonnenuntergang, auch wenn der zwar warme aber starke Wind dies teilweise unangenehm macht.
Aber der viele aufgewehte Sand in der Luft verhindert das Spektakel, nach ansatzweiser Bestrahlung der Felsen ist es rasch vorbei.