Montag, 19. Juni 2023

17. Juni 2023 Durango CO - Mesa Verde National Park CO

"Durango and Silverton Narrow Gauge Railroad - Das klingt nach Ruß und schwitzenden chinesischen Arbeitern, nach High Noon, nach endlosen Schienensträngen durch flimmernde Hitze, nach schwer überwachten Geldkisten und Great Train Robbery", so beginnt Hans Löwenkamp seinen Essay über die grandiose Schmalspurbahn von Durango nach Silverton. 
Um ein wenig von dieser Atmosphäre mitzubekommen, sind wir nach Durango gekommen. Und ein wenig Wilder Westen, John Wayne und Lucky Luke liegt auch in heutigen Zeiten noch in der Luft, wenn der Steam Train in Durango einfährt, wie wir gestern Abend schon erleben durften.
Heute möchte ich mir noch die Abfahrt der beiden morgendlichen Dampfzüge anschauen.
Leider war die Nacht nicht besonders. Da das Hotel mitten in der Stadt liegt, hatten wir ja nicht mit Totenstille gerechnet. Das jedoch Lärmfanatiker mit ihren Autos und Motorrädern gefühlt während der ganzen Nacht die Main Avenue rauf- und runterröhren und dazwischen das Gegröle der Kneipenheimgänger zu hören ist - das hatten wir so immens nicht erwartet. Besonders für Susanne war die Nacht dadurch sehr bescheiden. Bei mir ist eine seit zwei Tagen latente Erkältung nun endgültig ausgebrochen, und mit Schnupfen schläft es sich auch nicht wirklich gut.
Kurz vor unserem Frühstück startet der Dieselzug nach Silverton. Den schaue ich mir an, auch um eine Fotolocation für seine dampfenden Kollegen zu suchen. Im trüben Licht des wolkenverhangenen Tages rollt der Zug an einer gut geeigneten Stelle an mir vorbei. 
Dann gibt es Frühstück mit leckerem Kaffee und sogar Croissants - das General Palmer ist halt nicht irgendein Kettenhotel. 
Um 9 Uhr startet der Steam Train nach Silverton, dafür verlasse ich kurz das Frühstück und gehe dick eingepackt hinaus in den nun leider prasselnden Regen. Aber die Minuten unter dem Regenschirm lohnen sich: Der Zug fährt heute mit Doppeltraktion. Mit viel Qualm, Krach und Feinstaubemission fahren die Dampfloks im Bahnhof an und wummern kurz darauf an mir vorüber. Susanne und Oskar schauen sich das Spektakel lärmgeschützt durch die Fenster der Hotellobby an.
Zurück im Frühstücksraum tut der heiße Kaffee gut. 
Der letzte Zug, der heute den Bahnhof von Durango verlässt, ist der Steam Train nach Cascade Canyon, Abfahrt 9:45 Uhr. Für diesen platziere ich mich an einer Fotostelle direkt im Bahnhofsbereich, frage jedoch vorsichtshalber den Mann mit dem Stop-Sign, ob das möglich sei. "Sure" sagt dieser, "no problem."
Auch diese Zugabfahrt ist schlicht ein Hochgenuss.
Nach Autopacken und Auschecken gehe ich mit Oskar hinüber in den Gift Shop der Dampfbahn, während Susanne ebenso kurz noch einmal in den Christmas Shop geht; eine Weihnachtsüberraschung für Oskar ist damit erledigt.  
In Durango gibt es einen Walmart; diesen nutzen wir für den Einkauf von Erdbeeren, Kirschen, Aprikosen und einer Flasche Wein. Außerdem geht durch meine Erkältung unser Vorrat an entsprechenden Medikamenten zu Ende, auch dafür ist der Walmart ein Ansprechpartner. Die Pharmacy-Abteilung ist ziemlich groß, bei dieser Auswahl brauchen wir dann doch Hilfe. Wir steuern also den "Consulations"-Schalter an und zeigen die aus Deutschland mitgebrachte ACC- Brausetablette vor zusammen mit der Frage nach einem amerikanischen Äquivalent. Der freundliche Mann am Schalter hilft uns, aus den vielen Erkältungsmedikamenten etwas passendes herauszusuchen, macht dabei aber nicht den kompetentesten Eindruck. Da ist uns eine deutsche Apotheke schon deutlich lieber.
Inzwischen ist der Himmel blau, und es wird schlagartig wärmer. Über die US 160 verlassen wir die Gebirgsausläufer der Rocky Mountains und fahren in anderthalb Stunden ostwärts zum Mesa Verde National Park. 
Mesa Verde ist ein dicht bewaldeter und zerklüfteter Tafelberg, der sich von der umliegenden Landschaft des südwestlichen Colorado um mehr als 600 Meter abhebt und damit an seinen höchsten Punkten eine Höhe von fast 2.600 Metern erreicht.  
Hier gibt es die in den Felswänden abgelegener Canyons sogenannten Cliff Dwellings - erhalten gebliebene Wohndörfer und Felsbehausungen der Anasazi-Indianer - zu sehen, die diese Anlagen etwa gegen 1400 verlassen haben.
1888 suchten zwei Cowboys aus der Umgebung nach verirrten Rindern und entdeckten verlassene Häuser unter den tiefen Abrissen der Canyons. In den folgenden Jahren widmete sich einer von ihnen intensiv der Erforschung der Ruinen und unternahm zahlreiche Ausgrabungen; bereits 1906, also nur 18 Jahre nach der Entdeckung der Ruinen, wurde die Region von Präsident Roosevelt zum Nationalpark erklärt und genießt seit 1978 zudem den Status eines UNESCO- Weltkulturerbes.
Bisher ist dies der einzige Nationalpark in den USA, der zum Schutz eines archäologischen Ortes eingerichtet wurde; viele andere kulturhistorische Objekte sind jedoch als National Monument ausgewiesen oder in einer anderen formal geringeren Schutzgebietskategorie eingestuft.
Im Visitor Center erhalten wir die Information, dass die Führungen in die Dörfer seit Wochen ausgebucht sind; dies ist jedoch, wie wir auch erfahren, nicht weiter schlimm für uns, da für diese Touren lange Leitern zu besteigen und Tunnel zu durchkriechen sind - vor allem ersteres ist mit Oskar noch nicht zu machen. Viel bedeutsamer für uns ist, dass der Weg zu dem einzig ohne Park Ranger besichtigbaren Dorf, dem Spruce Tree House, wegen Steinschlaggefahr gesperrt ist. Trotzdem werden ohne entsprechenden Hinweis immer noch Heftchen für die Selbsterkundung verkauft; auch ein Nationalpark braucht Einnahmen, egal wie.
Also bleibt für uns nur die Besichtigung von den Aussichtspunkten entlang des Scenic Drives, der sich in vielen Kurven und Serpentinen und einem Tunnel auf das Hochplateau der Mesa Verde hinaufarbeitet.
Erster Höhepunkt ist die Aussicht vom Park Point Overlook, höchster Punkt des Nationalparks, mit einem Fire Lookout, einer Feuerausguck, der aber wegen der zur Zeit geringen Waldbrandgefahr nicht besetzt ist. Hier kann man in alle Richtungen unglaublich weit schauen. Die nahen Rocky Mountains sind natürlich gut sichtbar, aber auch die fernen weißen Gipfel der La Sal Mountains, denen wir ja in Moab ganz nahe waren. Und im Süden Richtung New Mexico ragt zwischen Bergen ein einzelner Felsklotz wie ein Riese aus der Ebene in die Höhe, der Shiprock Mountain.
Die Dörfer der Indianer sind dann nicht minder eindrucksvoll. Sie schmiegen sich in die Felslöcher und -spalten der Schluchten - in einem gab es 130, in einem anderen gar 150 Wohnräume. Erschlossen waren diese Siedlungen über in den Fels gehauene Tritte und Trittstufen.
Dabei waren die Bewohner alles andere als steinzeitlich: Sie trieben umfangreichen Handel, so wurden Muscheln vom Pazifik und Kupfer aus Mexico gefunden.
Da an den Lookouts viele Erklärungstafeln stehen, ist das alles auch ohne Besichtigung  sehr interessant.
Wir übernachten heute im Nationalpark. Hier gibt es die auf der Kuppe eines Hügels angelegte Far View Lodge. Die über 250 Zimmer sind in vielen Flachdachhäusern auf dem Gelände verteilt, und die Aussicht zumindest aus unserem Zimmer macht dem Namen der Lodge alle Ehre. 
Von unserem Balkon aus schauen wir weit über die Hochfläche der Mesa Verde, sehen einen Teil der sie durchziehenden Schluchten und in Richtung des Monolithen des Shiprocks Mountains. 
Nach einem kurzen Spaziergang, bei denen uns zwischen den Häusern freilaufende Pferde begegnen, sitzen wir noch eine wenig im Abendlicht auf dem Balkon. Welch herrliche Aussicht.