Auch wenn das Hotel nicht das heimeligste war, haben wir gut geschlafen. Und das Frühstück reißt dann eine Menge raus: Der Kaffe ist ausgezeichnet, und das für Susanne von der Frau, die gleichzeitig Rezeption und Frühstücksraum betreut, gebratene Omelette ist so gut geraten, dass sie es als ihr bestes bisher in Amerika überhaupt kategorisiert.
Bei wolkigem Himmel gesprenkelt mit einigen Sonnenflecken fahren wir zunächst bis nach Delta zurück. Das Städtchen besitzt ein recht hübsches Zentrum mit vielen gepflegten Häusern und einigen schönen Wandgemälden. Wir folgen nun wieder der US 50.
Auf der Gegenfahrbahn kommt uns eine Militärkolonne entgegen, mit Blick auf die vielen auf Tiefladern transportierten
Bagger offensichtlich Pioniere. Es ist das erste Mal überhaupt außer den Fliegerbasen in Florida und dem Marines-Depot in Barstow CA, dass wir in den USA Militär sehen. Die schlagkräftigste Armee der Welt hat ihre Kasernen abseits der Touristenrouten.
Es geht durch Montrose hindurch, das erstaunlicherweise einen "International Airport" besitzt, auf dem sogar ein American Airlines-Airbus zu sehen ist.
Kurz darauf zweigt die Straße zum Black Canyon of the Gunnison National Park ab, die recht zügig bis auf 2.500 Meter Höhe hinaufführt.
Dieser Nationalpark besteht hauptsächlich aus der namensgebenden Schlucht, die sich mehr als 700 Meter in die Tiefe gegraben hat. Durch das sehr harte Gestein wirkte die Erosion ausschließlich senkrecht, wodurch die Wände des Canyons außergewöhnlich steil sind.
Schon der erste Scenic View direkt nach dem Parkeingang lässt einem den Mund offenstehen: Man blickt quasi senkrecht nach unten auf den in der Tiefe kaum sichtbaren aber gut hörbaren Fluss, und der gegenüberliegende Schluchtrand erscheint für diese Dimensionen fast absurd nahe zu sein. Eine Schulklasse kommt gleichzeitig mit uns hier an; einer der Schüler schaut in den Abgrund und ruft erschrocken: "Holy shit!"
Hauptattraktion für Besucher des Parks ist der Scenic Drive; diese Straße führt entlang des Südrands des Canyons entlang und zu einigen weiteren wahrhaft schwindelerregenden Aussichtspunkten.
Für einen Freitag sind in diesem eher maßvoll populären Nationalpark erstaunlich viele Menschen unterwegs, trotzdem herrscht alles andere als Gedränge.
Eine ältere freundliche Dame lässt Oskar ihren Hund streicheln. Sie ist alleine unterwegs, und steigt dann zu unserer Überraschung in einen stattlichen RV. Life is what you make it.
Auch wenn unterm Strich der Canyon an Großartigkeit nicht mit den Nationalparks in Utah mithalten kann, ist das Naturschauspiel dieser abgrundtiefen Schlucht doch ausgesprochen beeindruckend. Und ebenso beeindruckend ist, welche landschaftliche Vielfalt wir in diesem Teil der USA antreffen, ohne riesige Strecken zurücklegen zu müssen.
Als wir gegen ein Uhr den Nationalpark wieder verlassen und nach Montrose zurückfahren, haben sich bereits wieder dunkle Wolken zusammengezogen; es schaut wettermäßig nicht vielversprechend aus, zumal in der Ferne Donner zu hören ist.
Auf der US 550 rollen wir nun südwärts den heute - im Gegensatz zu gestern - unsichtbar hinter den Wolken versteckten Rocky Mountains entgegen; das Panorama könnte so schön sein, seufzen wir beide.
Beim Tanken in Montrose hatte sich noch einmal die Sonne gezeigt; vor Ridgway geraten wir dann jedoch in einem heftiges Gewitter mit Regen und Hagel.
Das Unwetter lässt zwar bald wieder nach, durch das wunderschöne Berg- und Urlauberdorf Ouray fahren wir jedoch im Nieselregen.
"The Switzerland of America" wird das 2.375 Meter hoch gelegene Ouray genannt. Leider ist die Bergsicht heute quasi nicht vorhanden.
In Ouray beginnt der Aufstieg zum Red Mountain Pass, auf dem wir die Red Mountains, so heißt der örtliche Teil der Rockies, überqueren wollen. In strömendem Regen geht es bergauf. Die im Hang einer Schlucht verlaufende Straße ist zwar recht breit, hat aber keine Leitplanken, und der Abgrund ist auf unserer Seite. Volle Konzentration ist nun erforderlich, diesen Nervenkitzel hätte es nicht gebraucht.
Je weiter wir hinaufkommen, desto besser scheint nun das Wetter zu werden; zunächst hört der Regen auf, dann öffnet sich zwischen den Wolken der Blick auf die verschneiten Berge.
Million Dollar Highway heißt diese Hochgebirgsstraße. Woher der Name kommt, ist unklar. Laut einer Theorie hat zur Zeit des Baus eine Meile Straße eine Million Dollar verschlungen. Eine andere These besagt, dass das für die Errichtung der Straße abgetragene Erdreich und Gestein Gold im Wert von einer Million Dollar enthalten hat, führt er doch an zahlreichen alten Gold- und Silberminen vorbei. Die Ruinen dieser schon vor vielen Jahrzehnten aufgegebenen Förderstätten kann man noch sehen, ebenso ihre Abraumkippen und -halden.
Irgendwann haben wir die Passhöhe erreicht. Sie ist auf 3.358 Metern, also 400 Meter höher als die Zugspitze, liegt aber trotzdem noch weit unterhalb der Baumgrenze.
Jenseits des Sattels fängt es bald wieder an zu regnen, später sind ein paar Schneeflocken dabei. Auch die Aussicht verliert sich wieder in den Wolken.
Am Ende der Abfahrt erreichen wir Silverton, Ehemaliges Zentrum des Silberbergbaus, heute vor allem Endpunkt der von Durango aus heraufkommenden historischen Dampfbahn. Diese führt durch eine enge Schlucht hier hinauf, während die US 550 nach Durango den Weg über zwei weitere Pässe nimmt.
Bei der Auffahrt zum Coal Bank Pass geht der Regen erst in Graupel und dann in Schneeflocken über. Auf einmal liegen fünf Zentimeter Schnee auf der Straße, je höher wir kommen, desto mehr. Der Graupel trommelt unbarmherzig aufs Dach, ein wenig fühlen wir uns in diesem Blizzard wie in einem Winter-Inferno. Nun ist das Wetter nicht mehr kurios, sondern wird irgendwann gefährlich, immerhin sind wir über 3.000 Meter hoch. Im Schleichtempo rollen wir auf geschlossener in unserer Richtung beinahe unbefahrener Schneedecke bergan. Jetzt bloß nicht stehen bleiben.
Irgendwann sind wir an der Passhöhe auf 3.243 Metern angelangt; hier ist es eben, hier können wir einen Augenblick verschnaufen. Auch hören die Graupelkörner auf, das Autodach zu malträtieren, es schneit jedoch weiterhin.
Als zwei langsam fahrende Autos an uns vorbei fahren und eine Spur machen, fahren wir im Schritttempo weiter. Mit den beiden vor uns ist es nun etwas einfacher.
Bald hinter der Passhöhe kommt uns eine Kolonne entgegen, einer dieser Pickups mit riesigem Camping-Trailer wühlt sich langsam aber stetig seine Spur durch den Schnee - die Amerikaner kennen keine Furcht -, dahinter eine lange Schlange Autos, die sich ebenfalls den Berg hinaufkämpfen.
Mit irgendwann nachlassendem Schneefall und abnehmender Höhe wird die Straße besser befahrbar, und wir können den bis dato noch hilfreichen Langsamfahrer überholen.
Nun wartet noch der direkt folgende dritte Pass auf uns, der Molas Pass, auch dieser satte 3.343 Meter hoch. Hier ist die Straße fast völlig frei, der Blizzard tobte nur drüben am Coal Bank Pass.
Ab jetzt ist das Fahren wieder entspannter. Ein paar enge Kurven noch, aber die Trasse ist bestens ausgebaut, das lässt sich nun wunderbar fahren.
Als dann die Straße am Durango Purgatory Ski Resort vierspurig wird und sogar noch kurz die Sonne herauskommt, ahnt man nichts mehr von dem Abenteuer, das wir eben erlebt haben.
Auf dem flachen Talstück kurz vor Durango läuft die Schmalspurbahn aus Silverton parallel zur Straße, und wir holen dort einen Zug mit Diesellok ein, der sich auf den nächsten Kilometern zweimal gut fotographieren lässt.
Durango präsentiert sich entlang der Eingangsstraße nicht als hipper Ferienort, sondern neben dem üblichen Gewerbebetrieben mit schäbigen Motels billigster Art.
Zum Glück haben wir im Zentrum gebucht, im General Palmer Hotel an der Main Avenue. Dieses Haus ist mehr oder weniger das Gegenteil der Unterkunft in Cedaredge: Ein wenig nobel, gediegene Halle mit viel dunklem Holz, alles in bestem Zustand - ein klassisches Hotel im besten Sinne.
Mit seinen nostalgischen Eingangstüren, den knarrenden Holzfussböden und uralten Aufzug mit Gittertür macht es den Eindruck, als wäre es schon zur Spätwesternzeit hier eines der guten Häuser am Platz gewesen. Vergleichbar mit Cedaredge ist nur der sehr freundliche Empfang und das saubere Zimmer.
Während Susanne eincheckt, gehen Oskar und ich zum Gleis der historischen Eisenbahn hinüber, die kaum 100 Meter vom Hotel entfernt die Straße quert. Und da kommt der Zug von eben auch schon. Mit lauten Hupen rollt er mitten durch die Stadt und in den Bahnhof ein, Oskar erschreckt sich gehörig. Leider gehört das ohrenbetäubende Hupkonzert zu den US-Bahnen dazu.
Ich frage den Mann, der mit einem tragbaren Stop-Schild die Straße absperrt, ob heute kein Dampfzug fährt. Doch, meint er, der komme "round about six", also in einer guten halben Stunde.
Pünktlich stehe ich wieder da, Oskar hält diesmal gehörig Abstand, und erlebe die Einfahrt des berühmten Dampfzuges von Durango mit. Ein grandioses Erlebnis.
Anschließend drehen wir drei eine ausgiebige Runde über die abendliche Main Avenue. Hier gibt es viele originelle Geschäfte, zum Beispiel einen bestens sortierten Christmas Store. Nach erfolgreich überstandenen Schneegestöber lassen wir Kinderaugen leuchten. Außerdem locken Kneipen und Pubs mit sehr guter Live-Musik.
Wir gehen jedoch zurück zum Hotel und machen noch gemütlich Brotzeit im Hotelzimmer. Dabei stoßen wir noch einmal an auf unser glücklich überstandenes Winterabenteuer. That's Colorado.