Diese Nacht war es ziemlich kalt, trotz aller Decken haben wir gefroren. Hier auf 2.000 Meter Höhe ist selbst der Juni noch eher kühl, zumindest nachts.
Mitten in der Nacht ging dann auch die Heizung mit wildem Gebläse an. Susanne stand senkrecht im Bett, während wir Männer einfach weiterschnarchten. Irgendwie bekam sie das Gerät ausgeschaltet und konnte mit Verzögerung auch wieder einschlafen.
Mir war heute Nacht und am frühen Morgen ziemlich übel, zum Glück lassen sich die Kopfschmerzen mit einer Paracetamol lindern, und ich komme bald nach dem Aufstehen langsam wieder auf die Spur.
Im Office des Campgrounds wird ein kleines Frühstück angeboten. Wieder gibt es selbstgebackene Muffins, dazu viel zu starker Kaffee. Waren die USA jahrzehntelang berüchtigt für ihren dünnen Kaffee, hat sich nun anscheinend - vielleicht Dank Starbucks und Co - eine Gegenkultur etabliert; nun ist er überall mindestens kräftig, und heute früh nur mit zusätzlichem Wasser genießbar.
Ein letztes Mal fahren wir durch Torrey durch. Erneut fragen wir uns, wie die 182 Einwohner hier so weitab vom Schuss leben; wo gehen die Kinder zur Schule, oder wie erledigt man hier profane Dinge wie Einkaufen oder Arztbesuche?
Zumindest Tanken kann man, natürlich zu Preisen, die der Einsamkeit angepasst sind. Wir haben noch genug im Tank, nutzen die Tankstelle jedoch zum Scheibensäubern. Oskar hilft kräftig mit.
Währenddessen kommt ein Oversized Truck mit einem Fertighaus auf dem Auflieger durch die Tankstelle, um zu drehen. Bei uns würde für solch einen Transport wohl die Straße gesperrt, hier reicht ein gelb blinkendes Begleitfahrzeug.
Wieder fahren wir den Felsen des Capitol Reef Nationalparks entgegen. Heute herrscht Gegenlicht, so sind die Wände zwar immer noch monumental, aber nicht mehr so brillant ausgeleuchtet wie gestern Abend.
Am Visitor Center des Parks holen wir uns unseren Nationalpark-Stempel, dann fahren wir auf dem Utah Highway 24 weiter Richtung Osten. Aus dem Gebirge heraus und unmittelbar unter den Felswänden hindurch fließt der Fremont River, dessen Ufer eine Oasenzone in der Wüste bildet. Hier siedelten sich mormonische Siedler an, pflanzten Obstbäume und nannten ihre Siedlung Fruita. Die letzten von ihnen zogen erst in den 1960er Jahren fort, als die Gegend zunächst zu einem National Monument und bald darauf zum Nationalpark wurde. Ihre 3.000 Obstbäume gehören seitdem der Nationalparkverwaltung, Besucher dürfen die Früchte pflücken wenn sie reif sind.
Direkt an der Straße liegt ein Petroplyph- Felsen. Hier sind von fern alte Felszeichnungen der Fremont-Indianer zu betrachten, die bis etwa 1400 hier lebten.
Jetzt geht es mit der Straße hinein in die Fremont Gorge. Bis zum Bau dieser Route war die Waterpocket Fold nahezu unpassierbar, nur hier in der schmalen Klamm war ein gefährlicher Durchgang durch das Wasser möglich. Davon spürt man heutzutage natürlich nichts mehr, der Highway ist den topographischen Gegebenheiten entsprechend elegant ausgebaut und erlaubt eine zügige Fahrt bergauf.
Nach Verlassen der Felsenregion und des Nationalparks sieht es auf einmal ganz anders aus als zuvor, uns umgibt eine eigenartige Landschaft aus grauschwarzen Lehmhügeln, die irgendwie aussieht, als würden wir durch eine riesige Baustelle fahren oder als würde hier Baumaterial en masse abgelagert werden. Unser Reiseführer gibt Auskunft, dass in diesem Tongestein häufig Dinosaurierknochen und andere Fossilien gefunden werden. Hinter uns hat sich derweil Gewitter zusammengebaut, gut, dass wir in die andere Richtung fahren.
Nun geht es noch ein gutes Stück bis Hanksville. Dessen paar Häuser ein Dorf zu nennen wäre eine schamlose Übertreibung, immerhin gibt es eine Tankstelle.
Hier teilt sich die Straße, wir nehmen den Weg Richtung Süden und folgen nun der Utah State Route 95. Dieser Highway wurde 1976 fertiggestellt und trägt wegen des damals gefeierten 200. Jubiläums der Unabhängigkeitserklärung den Beinamen Bicentennial Highway.
Hier nun sieht die Umgebung tatsächlich so aus, wie man sich Utah vorstellt: Weite Ebenen mit steppenartiger Vegetation, blauer Himmel mit weißen Wolken, vor uns eine schnurgerade leere Straße und der Horizont begrenzt von eindrucksvollen Bergen; dies sind die Henry Mountains, die im schneebedeckten Mount Panel gipfeln, 3.466 Meter hoch.
Wir gleiten in unserem bequemen Chevrolet dahin und spulen Meile um Meile ab, Oskar ist derweil eingeschlafen.
Irgendwann führt die Straße in eine Senke hinab und folgt ihr in einen peu à peu immer tiefer eingeschnittenen und immer wilderen Canyon.
An dessen Ende stehen wir auf halber Höhe einer gewaltigen Schlucht, wir haben das Tal des Colorado Rivers erreicht.
Von einem Aussichtspunkt aus schauen wir das mächtige Tal auf und ab, hinab auf den Fluss und auf die noch weit entfernte Hite Crossing Bridge, auf der wir den Colorado River nachher überqueren werden. Am gegenüberliegenden Ufer sind die traurigen Reste der ehemaligen Marina von Hite zu sehen. Bis Ende der 90er Jahre reichte das Wasser des Lake Powell bis dorthin, dann sorgten niederschlagsarme Jahre und vor allem eine verstärkte Wasserentnahme für einen deutlich gesunkenen Pegel.
Um zur Brücke zu kommen, müssen wir noch ein von Felswänden eingefasstes Seitental ausfahren, dann überqueren wir den Colorado.
Jenseits fahren wir durch einen diesmal kürzeren Canyon wieder hinaus aus dem tiefen Tal und anschließend durch ein breites Tal zu Füßen felsiger Bergketten. Leider haben inzwischen unschöne Quellwolken das Regiment am Himmel übernommen, und gelegentlich fallen ein paar Tropfen auf die Windschutzscheibe.
Unser nächstes Ziel ist das Natural Bridges National Monument, ein Schutzgebiet entlang eines Flusses, in dem drei dieser Felsbrücken zu finden sind.
Beim für uns obligatorischen Besuch im Visitor Center erhalten wir von Matt, einem sehr sympathischen Park Ranger, die für uns wichtigen Informationen. Er scherzt mit Oskar und erläutert uns, welche der drei Natural Bridges gut zu Fuß erreichbar ist.
Alle Brücken lassen sich vom Rundkurs des Bridge View Drives aus betrachten. Bevor auf diesem die Fahrt richtig losgeht müssen wir jedoch hinter einem Straßenmarkierungsfahrzeug warten. Natürlich gibt es auch hier einen Sign Man mit großem Stop-Schild, der uns informiert, dass es gleich weitergeht, wir aber beim Hinterherfahren bitte Abstand halten sollen. Susanne meint trocken, in ihrem nächsten Leben werde sie auch Stopschildhalter in Amerika.
Die erste Brücke schauen wir uns von einem Lookout an, an der zweiten fahren wir vorbei, da sie von der Straße aus sowieso nur schlecht sichtbar ist, und weil es nun anfängt zu tröpfeln.
Am Trailhead - dem Beginn der Wanderung - zur dritten Brücke, der Owachomo Natural Bridge, beginnt es nun ziemlich zu regnen. Wir warten den kurzen Schauer ab und wandern dann bei Sonnenschein den viertelstündigen Weg hinab. Oskar macht auf diesem nicht gänzlich einfachen Weg bergsteigerisch eine gute Figur.
Welch ein Erlebnis erwartet uns unten: Bei herrlicher Sonne stehen wir zu Füßen dieses kleinen Naturwunders, das sich über uns durch den Himmel spannt.
Wieder zurück am Parkplatz werden wir angesprochen von einem netten Seniorenehepaar aus Virginia. Sie nehmen Bezug auf unsere Basecaps; auf meinem das B der Boston Red Sox, auf Susannes prangt "San Francisco". Wo wir denn herkämen. Ich antworte, dass ich einer der wenigen Baseball-Fans in Deutschland sei. Wieder entwickelt sich eines dieser netten Gespräche, das man in Amerika so oft erlebt. Sie seien auf dem Weg zu ihrem Sohn nach Arizona, erzählen sie. Oskar darf noch durch das Fernglas der beiden schauen, dann wünschen wir uns gegenseitig einen schönen Urlaub.
Weiter geht es auf der Utah 85. Ringsum haben sich dunkle Wolken gebildet, wieder kommen wir durch Regen. Kurz darauf haben wir jedoch auch wieder herrliche Ausblicke. Unter anderem liegen weit vor uns hohe schneebedeckte Berge, das müsste schon Colorado sein, denken wir.
In der Kleinstadt Blanding treffen wir auf die US 191, der wir nordwärts folgen. An einer Tankstelle sehen wir erstmals seit langem wieder einen Preis von unter vier Dollar die Gallone, das nutzen wir direkt zum Volltanken. Im örtlichen Supermarkt 300 Meter weiter finden wir eine reichhaltige Auswahl vor und decken uns ein mit Obst, Körnerbrot und Käse. Wie man es vom prüden Utah erwartet gibt es hier natürlich keinen Alkohol.
Nun sind es noch 25 Meilen bis Monticello, unserem Übernachtungsort. Auf der US 191 wird vor intensivem Wildwechsel durch Deers gewarnt. Wir halten die Augen offen, sehen zum Glück jedoch kein Wild. Dafür wird uns das Spektakel beinahe epischer Wolken gegeben.
Monticello, benannt nach dem gleichnamigen Landgut von Thomas Jefferson in Virginia, ist zwar der Hauptort des Countys, erweist sich aber als echtes Kaff an der Hauptstraße. Hier haben wir in The Atomic Blue Motor Inn ein Zimmer gebucht. Das Motel sieht von außen nicht gänzlich einladend aus, das zum Glück im Innenhof liegende Zimmer erweist sich jedoch als ausgesprochen sauber und für unsere Belange völlig in Ordnung.
Bald nach dem Autoausladen kommt heftiger Wind auf, so müssen wir das Feierabendbier von der Bank vor dem Zimmer nach innen verlegen.