Dienstag, 13. Juni 2023

11. Juni 2023 Escalante UT - Torrey UT

Es gibt Unterkünfte, die schließt man in sein Herz und fährt von dort fast ungern los, dies ist so eine. 
Zum Frühstück waren uns gestern bereits Handmade Muffins bereitgestellt worden, dazu hat unsere Hütte eine Kaffeemaschine - dies rundet das perfekte Gesamtbild ab.
Nachdem Oskar noch einmal den Spielplatz besucht hat, biegen wir wieder in die Utah State Route 12 ein und beginnen einen neuen Utah-Tag. 
Da der Landstrich hier total einsam ist, nutzen wir sicherheitshalber gleich noch eine der beiden örtlichen Tankstellen und tanken voll. Dabei beobachten wir eine Familie mit drei kleinen Kindern und zwei größeren Hunden, die in ihrem vollgepackten Großkombi die Eisvorräte ihrer Umzugskarton-großen Kühlboxen erneuern. Das an der Tankstelle neu gekaufte Eis kommt in ein separates Fach, dazu muss zunächst das Tauwasser der vorherigen Eisfüllung abgelassen werden. Das geht mittels eines leistungsfähigen Abflusshahns gleich auf den Boden. Dann muss das neue Eis, das in Klarsichtfolie verpackt ist, zerkleinert werden, dies erfolgt vorzugsweise durch Schlagen des Beutels auf den Boden oder die Heckklappe. Schließlich werden die Eisstücke in die Kühlbox geschüttet. Mit diesem Verfahren macht man sich unabhängig von Kühlschränken für die Kühlakkus, und Eis im Beutel gibt es in den USA quasi an jeder Ecke.
Die Utah 12 sieht so aus wie gestern: Phantastische Landschaftbilder allerorten und extrem wenig Verkehr. Nicht weit hinter Escalante wartet mit dem Head of the Rocks Overlook bereits ein erster Tageshöhepunkt auf uns: Ein Aussichtspunkt an einer ausgeprägten Geländekante, vor uns öffnet sich der Ausblick auf das tiefer liegende wild zerklüftete Escalante-Plateau.
Während wir die Aussicht genießen kommt die Familie von der Tankstelle eben angefahren und stellt sich neben uns. Aus welchem Teil von Missouri wir kämen, fragt die Frau mit Blick auf unser Autokennzeichen, sie käme auch von dort. Nur das Auto, antwortet Susanne, wir sind aus Deutschland. Eine kurze Unterhaltung beginnt, wir sind uns einig dass eine Rundtour durch Utah und seine Nationalparks im Juni nur Vorteile hat, es ist weniger heiß und weniger voll.
Die Straße windet sich nun die erwähnte Geländekante hinunter und bleibt auf den nächsten Kilometern extrem kurvig; die Strassenführung ist immer der Landschaftsform angepasst. Mal verläuft die Straße ganz unten in einer Schlucht, mal auf halber Höhe. Schließlich folgt sie sogar längere Zeit einem schmalen Kamm genau über seine höchsten Erhebungen hinweg; prächtige Ausblicke sind hier ebenso garantiert wie ein an manchen Stellen leicht mulmiges Bauchgefühl angesichts fehlender Leitplanken.
Der nächste und einzige Ort unterwegs ist Boulder, ein völlig verschlafenes Nest, bestehend nur aus einigen wenigen verstreut liegenden Häusern und einer Wirtschaft. 
Hier zweigt der Burr Trail ab, ein auf den ersten 30 Meilen geteerter etwas rustikaler Weg durch die Wildnis, der zur Fähre am Lake Powell führt. In diesen biegen wir ein, gleichwohl diese Straße für unsere Route eine Sackgasse darstellt. Einige Schilder warnen, dass das nun folgende nicht ganz ohne und für Trailer und RVs nicht empfehlenswert ist. 
Nach wenigen Kilometern kommen wir hinab in den grandiosen Long Canyon. Nun folgt eine sich über etliche Kilometer hinziehende Durchquerung einer zu beiden Seiten von hohen roten Felsen begrenzten Schlucht, die Route windet sich dabei stets durch den Grund dieses Canyons. 
Außer einer Gruppe Radfahrer und einigen vereinzelten Autos sind wir hier nun völlig alleine unterwegs. 
Susanne und ich meinen beide spontan, dass dieses Erlebnis den Besuch des Zion Canyon an Spaßfaktor übertrifft, viel unmittelbarer und intimer ist man hier der Natur.
Am Ende der Schlucht wartet ein Viewpoint mit - ich weiß, es wiederholt sich - unfassbarer Aussicht auf nur von fernen Bergen begrenzte Weiten, ein idealer Picknickplatz für uns. 
Wir fahren noch ein paar Kilometer weiter, kehren dann aber mit Blick auf die Uhr irgendwann um. 
Der Vorteil dieser Sackgasse ist, dass wir den Long Canyon ein zweites Mal durchfahren dürfen, was genauso viel Freude macht wie auf dem Hinweg.
Wieder zurück auf der Utah 12 zeigt diese ab Boulder eine ganz andere Landschaft als im Escalante-Bereich. Verlief sie zuvor durch karge steppenartige Landstriche, klettert sie nun im frühlingsgrünen Wald des Dixie National Forest über viele Meilen hinweg hinauf bis auf fast 2.800 Meter Höhe. Ein Scenic Lookout ganz oben bietet wieder einmal einen herrlichen Ausblick, unter anderem auf die fernen Felsformationen des Capitol Reef National Park.
Genau wie sie in Bryce Canyon Junction  begann, so endet die spektakuläre Utah State Route 12 auch in Torrey: Schnöde an einer einfachen T-Kreuzung. Für uns war das Befahren dieser herrlichen 123 Meilen beziehungsweise 198 Kilometer ein absoluter Hochgenuss, und die Straße zählt für uns auf jeden Fall zu unseren bisher schönsten Straßen Amerikas, ganz anders und doch in einer Liga mit der California 1, der Route 66 in Arizona oder dem Blue Ridge Parkway.
Kurz hinter Torrey sind wir zu Gast im Thousand Lakes RV Park; hier haben wir wieder eine kleine Hütte gebucht. Diese erweist sich als zweckmäßig, jedoch bei weitem nicht so gemütlich wie die der letzten Nacht in Escalante. Jedenfalls ist sie tüchtig gesäubert, denn uns schlägt ein starker und anhaltender Geruch eines Chlor-basierten Reinigungsmittels entgegen. Egal welche Lebensform in der Hütte gegebenenfalls gelebt hatte, sie wurde gründlich ausradiert.
Nach Ausladen der Koffer und einem schnellen Imbiss wollen wir noch hinüber zum nahe gelegenen Capitol Reef National Park fahren, gilt doch die Fahrt seinen Klippen entgegen gerade im Licht des späten Nachmittags als unvergesslich.
Und in der Tat: Wir rollen mit der Sonne im Rücken auf eine perfekt ausgeleuchtete mächtige Wand in rot und braun zu.
Diese Felswand ist die Waterpocket Fold, eine über 150 km lange geologische Formation, die sich in Nord-Süd-Richtung erstreckt und bis Mitte des letzten Jahrhunderts nahezu unpassierbar war.
Entstanden ist diese natürliche Barriere durch die Neigung der ursprünglich horizontalen Bodenschichten bei der Anhebung des Colorado-Plateaus, wodurch eine ausgedehnte nahezu gerade verlaufende Kante entstand.

Was wäre ein amerikanischer Nationalpark ohne seinen Scenic Drive? 
Hier führt er etliche Kilometer zu Füßen der Wand entlang in die Einsamkeit hinein und endet an einem Wendehammer. Diese Hin- und Rückfahrt lassen wir uns nicht entgehen; so bekommen wir zumindest einen kleinen Eindruck dieser riesigen Felsbarriere. Und da sich während der Fahrt Sonne und Wolken abwechseln ist immer ein Teil des Panoramas im Licht.
Auf der Wiese hinter dem bereits geschlossenen Visitor Center äsen derweil einige Deers.
Auf der Fahrt aus dem Nationalpark heraus stellt sich die Frage des Abendessens. Leider hat das BBQ unseres Campgrounds Sonntags nicht geöffnet, also müssen wir uns unter den dürftigen Möglichkeiten im eher trostlosen Ort Torrey entscheiden. Wir landen schließlich im "Rock Reef Cafe", ein von Asiaten betriebenes Burger- und Pizzalokal. Das Essen ist durchschnittlicher als die sportlichen Preise, aber am Schluss sind wir alle satt.