Im Gegensatz zu gestern bleibt der Wecker aus und wir schlafen ganz gemütlich ein wenig länger.
Das Frühstück ist heute deutlich besser als gestern, vor allem da auf der Terrasse neben dem Schwimmbecken ein Koch Omelettes nach Kundenwunsch frisch zubereitet; für Susanne ein Fest.
Nachdem wir unseren innerhalb von zwei Tagen im Hotelzimmer verteilten Kram wieder in transportfähige Mengen verpackt haben und Oskar sich von seinem geliebten Blick aus dem Fenster auf den benachbarten RV-Park verabschiedet hat, checken wir aus und fahren auf die Interstate nordwärts auf.
Wir rollen an den westlichen Ausläufern des Zion Nationalparks entlang und danach durch grünes Agrarland; ich hatte mir Utah deutlich trockener und vor allem wüstenartiger vorgestellt. Auf diesem Interstate- Abschnitt ist Tempo 80 erlaubt, d.h. fast 130 Stundenkilometer; solch eine unerhörte Geschwindigkeitsfreigabe haben wir in Amerika vorher erst einmal in Texas erlebt.
An der Autobahnabfahrt in Cedar City begrüßt uns ein stattlicher Leuchtturm. Wie kommt solch ein Bauwerk hier in eine Stadt weitab aller Küsten und schiffbarer Gewässer? Das Internet gibt Auskunft: Er ist das Wahrzeichen des Providence Shopping Centers. Dieses steuern auch wir an, denn hier gibt es den letzten Walmart, bevor wir in die menschenleeren Landstriche Utahs abbiegen; der nächste größere Markt ist wohl erst in Grand Junction in Colorado.
Während des Einkaufen bemerken wir, dass sich die Leute um uns rum merklich geändert haben, also hier ein anderer Menschenschlag vorherrscht als zuvor. Vor allem scheint es hier nur noch wenig Hispanics mehr zu geben. Das zeigt sich auch daran, dass der Walmart nicht mehr wie sonst zum Beispiel in Kalifornien oder Arizona üblich zweisprachig in Englisch und Spanisch ausgeschildert ist. Zudem gibt es hier viel mehr Kinder; Familien mit vier und mehr Kindern sind keine Seltenheit, Familien mit weniger als drei Kindern scheinen kaum vorzukommen. Auch eine Gruppe Frauen im Bekleidungsstil des vorletzten Jahrhunderts ist zu sehen; sind das Amische, Hutterer oder konservative Mennoniten?
Dieser Walmart ist im übrigen riesig, ein echtes Versorgungszentrum im "einmal hin alles drin"-Stil. Zwischen Campingzubehör und Apotheke, Schießbedarf und Autoteilen, Angelutensilien und Fahrrädern, Computern und Kleidung gibt es hier alles, und natürlich auch eine Lebensmittelabteilung im XXL- Format.Cedar City selbst zeigt sich bei der Durchfahrt als schöne saubere Kleinstadt. Wir merken deutlich, dass wir auf 1.800 Metern Höhe sind, die Luft ist frisch, und im Wind ist eine Jacke von Vorteil.
Wir wenden uns nun wieder ostwärts, den Nationalparks auf dem Colorado Plateau entgegen. Der Utah Highway 14 führt direkt hinter dem Ortsausgang von Cedar City in die Berge. Die Straße folgt zunächst einem wild anmutenden Tal und steigt dann unter mächtigen Felsabbrüchen und durch große Waldstücke bis auf fast 3.000 Meter Höhe an. Hier oben liegt an vielen schattigen Stellen, vor allem im Wald, noch ordentlich Schnee.
Die Wiesen und Lichtungen am Straßenrand zeigen keinerlei frisches Grün, hier ist der Schnee offensichtlich erst vor wenigen Tagen geschmolzen.
Leider ist der Abzweig zum Cedar Breakes National Monument gar nicht oder nur so homöopathisch beschildert, dass wir ihn nicht bemerken und glatt vorbeifahren. Hier hätte es mächtige rote Sandsteinformationen zu sehen gegeben; wir tragen es mit Fassung, im Bryce Canyon werden wir nachher ähnliches sehen.
Ein Stück jenseits der Passhöhe liegt der hellblau- türkise Navajo Lake, der durch vulkanische Aktivitäten entstanden ist. Überhaupt kommen wir entlang mehrerer Lavafelder, deren Rostbraun einen eigentümlichen Kontrast zum umgebenden Wald und dem vorherrschenden Sandstein darstellt.
Weiter unten liegt der Duck Creek, an seinem Ufer stehen zahlreiche Angler, und das gleichnamige, auf 2.600 Metern auf einer Waldlichtung gelegene Urlauberdorf. Hier stehen viele Ferienhäuser, es gibt eine Tankstelle und einen General Store sowie Fahrrad- und ATV-Verleihe. Diese All Terrain Vehicle treffen wir hier des öfteren an, sie fahren meist in Gruppen auf den Straßen und auf Tracks durch den Wald.
Die Straße trifft unten im weiten Tal des Sevier River auf die US 89. Wir halten uns auf ihr Richtung Norden. Eine Viertelstunde später erreichen wir Hatch; hier kehren wir im Hatch Station Café auf eine Kaffee und Muffins ein. Etwas nördlich des Ortes liegt auch unser Motel & RV Park für heute; wir sind jedoch zu früh dran; unser Versuch, jetzt schon einzuchecken und die Koffer unterzustellen bleibt vergeblich.
So fahren wir auf der US 89 weiter, folgen ihr jedoch nicht auf ihrem Verlauf bis hinauf zur kanadischen Grenze, sondern biegen bereits nach guten 10 Kilometern in Richtung Bryce Canyon National Park ab. Die Straße dorthin führt durch den Red Canyon, der uns mit seinen roten Felsformationen bereits einen guten Vorgeschmack auf den Bryce Canyon liefert.
An der Einfahrt zum Nationalpark herrscht zum Glück wenig Verkehr.
Wir steuern für einen ersten Eindruck den hochgelegenen Bryce Point an und haben auch hier das Glück, auf dem kleinen Parkplatz eine Lücke für unser Auto zu finden. Nun sind es nur noch wenige Schritte bis zur großen Bühne: Unter uns und quasi halb um uns herum öffnet sich der Blick auf die Abertausenden von roten Felstürmen, -säulen und -skulpturen des Bryce Amphitheaters. Ein atemberaubender, phantastischer Anblick, noch dazu, als zwischen den vielen Wolken die Sonne herauskommt und den Halbkreis der Felsen ausleuchtet. Jenseits des Felslabyrinths geht die Landschaft in eine sich über Dutzende Kilometer ausdehnende Weite über, die erst am Horizont von weiteren großen Felsabbrüchen begrenzt wird.
Für mich geht hier ein Traum in Erfüllung. Seitdem mir vor vielen vielen Jahren mein damaliger Bundeswehr- Kollege Markus Bilder dieses Nationalparks gezeigt hatte, wollte ich unbedingt hier hin, an dieser Kante stehen und hinunter auf die Felsen schauen. Und Erwartung und Vorfreude werden nicht enttäuscht, diese Aussicht ist genau so sensationell, wie ich sie mir vorgestellt habe.
Nach vielen Minuten und noch mehr Fotos reißen wir uns los und wechseln den Standort. Nur kurz ist die Fahrt zum sogenannten Inspiration Point. Vor dem neuerlichen Gang an die Bergkante hat Oskar jedoch noch ein persönliches Bedürfnis. Zwar gibt es hier direkt am Parkplatz eine Toilette, diese ist jedoch ein so ekliges Plumpsklo, dass wir einige Schritte hinter das Häuschen gehen. Auf dem Rückweg zum Parkplatz sagt Oskar auf einmal leise: "Papa, schau mal da!" Etwas oberhalb, kaum zehn Meter von uns weg, steht eine junge Hirschkuh und beäugt und neugierig. Sie bleibt auch noch regungslos stehen, als wir uns langsam und leise weiter von ihr entfernen.
Der Inspiration Point bietet eine andere Perspektive auf den Felskessel, auch diese ist in ihrer Großartigkeit kaum zu beschreiben.
Eigentlich ist der Bryce Canyon gar keine richtige Schlucht, sondern die gigantische Abbruchkante eines Hochplateaus, das sich einige hundert Meter über der Umgebung erhebt. Insgesamt erstreckt sich diese Bruchzone über etwa 40 Kilometer, das Gebiet der bizarren Felsformationen aus von der Erosion geformtem Sandstein, das den Bryce Canyon National Park bildet, ist etwa 20 Kilometer lang und fünf Kilometer breit. Die eigenartigen Gebilde aus rostbraunem Gestein entstanden im Laufe vieler Jahrtausende, und alles ist weiter in Bewegung, verschiebt sich doch die Kante durch die sukzessiv arbeitende Erosion durch Wind, Wasser, Schnee und Eis in einem Jahrhundert um etwa einen Meter nach hinten. Und auch die Felstürme, hier Hoodoos genannt, sind allein beständig in ihrer kontinuierlichen Veränderung und schlussendlichem Untergang.
Benannt ist der Nationalpark nach dem Mormonen schottischer Abstammung Ebenezer Bryce. Dieser schuf in den 1870er Jahren zu Füßen der Felsen ein Bewässerungssystem und eine Straße für die Holzabfuhr. Die Bewohner der Umgebung nannten die an ein antikes Theater erinnernde Felsformation am Straßenende schon bald Bryce’s Canyon. Er selbst sah das Naturwunder wohl eher von der praktischen Seite und bezeichnete es als „a hell of a place to lose a cow“.
Zum Abschluss des Parkbesuches steuern wir wie in jedem Nationalpark noch das Visitor Center an zwecks Souvenir- Inaugenscheinnahme und für den Stempel in unserem Nationalpark-Guide, dann fahren wir durch den Red Canyon wieder zurück nach Hatch.
Nun ist das Office im "The Riverside Ranch Motel & RV Park Southern Utah" besetzt und wir bekommen ein schönes Zimmer, dass den Namen Buffalo trägt.
Beim Autoausräumen und vor allem beim Koffertragen kommen wir ein wenig aus der Puste; kein Wunder, liegt Hatch doch mehr als 2.100 Meter hoch.