Heute morgen hat sich der Himmel zugezogen, und als wir das Auto beladen, beginnt es zu regnen.
Wir verabschieden uns von Patty, sie genießt jeden Regen, meint sie, und starten in den dunkel verhangenen Morgen.
Auf dem Highway Richtung Las Vegas prasseln die Regentropfen auf das Auto, die Wüste kann das Wasser brauchen.
Der passartige Übergang in Mountain Springs - gemäß eigener Anschauung auf dem Ortsschild angeblich "world famous" - bildet eine Wetterscheide, und wir können bei hellerem Himmel und im Trockenen hinunter nach Las Vegas fahren, dessen große Hotel- und Casinobauten bereits aus 25 Meilen Entfernung gut zu sehen sind.
Die endlose gesichtslose Vorstadt, die wir kurze Zeit später durchqueren, markiert den Speckgürtel der Metropole. Nahe dem Zentrum fahren wir auf die dicht befahrene Interstate 15 Richtung Norden auf, die parallel zum Las Vegas Strip zu verlaufen scheint; jedenfalls sehen wir so die Rück- und Seitenansichten vieler aus Filmen und Reportagen bekannter Casinos: So zum Beispiel die Neuschwanstein- artige Architektur des EXCALIBUR, die in ihren Dimension exakt ihrem altägyptischen Vorbild entsprechende Pyramide des LUXOR, das BELLAGIO, das von George Clooney und seinen Kumpanen in OCEAN'S ELEVEN ausgeraubt wird, die Big Apple-Skyline des NEW YORK NEW YORK, das vergleichsweise ein wenig altbacken wirkende CEASAR'S PALACE, die Klötze von MIRAGE, WYNN und TREASURE ISLAND sowie schließlich der goldfarbene Protzbau des TRUMP TOWER.
Wir hatten kurz überlegt, eine Runde über den Strip zu drehen, jedoch erschien uns eine Besichtigung nur auf der Durchreise und nur durch die Autofenster als unpassend; später, wenn Oskar größer ist, kommen wir noch mal wieder.
So lassen wir Las Vegas hinter uns und fahren durch die Wüste unserem heutigen Ziel entgegen, dem Valley of Fire State Park.
In Crystal, bestehend lediglich aus einem Autohof und einer Tankstelle, verlassen wir die Interstate und rumpeln auf einem ziemlich welligen Sträßchen den Hügeln entgegen. Wir fragen uns, ob diese nicht endende Vielzahl von Aufs und Abs in Deutschland wohl toleriert werden würde?
Jedenfalls verlassen wir irgendwann die Ebene, es geht ein wenig bergauf und wir erreichen zügig die Grenze des State Parks.
An der Einlasskontrolle wird in Großbuchstaben darauf hingewiesen, dass die Eintrittskarten für die Nationalparks hier im State Park nicht gelten, und gemahnt, dass man Hitze und Trockenheit nicht unterschätzen darf: "You might die".
Der Name Valley of Fire stammt von den leuchtend roten Sandsteinformationen, die vor 150 Millionen Jahren aus riesigen Wanderdünen entstanden. Diese Felsen ragen nun rechts und links der Straße auf, mal größer mal kleiner, mal glattgeschliffen mal schroff aufragend.
Und wenn die Sonne zwischen den Wolken hervorkommt, leuchten sie mit ein wenig Phantasie tatsächlich wie Feuer. Dieses Glück haben wir nun ein paar Mal.
Am Visitor Center beginnt ein Scenic Drive, der in eine bizarre Felslandschaft hineinführt. Hier variieren die Farben des Gesteins zwischen rot, beige und violett.
Wir unternehmen einen kleinen Spaziergang durch diese Szenerie. Der schöne Trail leitet uns bis zu einem Aussichtspunkt hinunter in eine zerklüftete Schlucht, die den Namen Fire Canyon trägt. Auch wenn der Ausblick auf die roten Felsen reizvoll ist, sind wir ein wenig enttäuscht, denn wir hatten uns irgendwie mehr erwartet. So ist der Weg das Ziel.
Zurück am Auto genießen wir als Alternative den fantastischen Blick vom Parkplatz und von weiteren Haltemöglichkeiten entlang des Scenic Drives. Diese spannend trassierte Straße führt bis zu einem Parkplatz, von dem aus wieder zurück gefahren muss.
Leider hat sich die Sonne nach ihren kurzen Auftritten um die Mittagszeit wieder verabschiedet. Ohne ihre Anleuchtung ist die farbige Kulisse immer noch faszinierend, jedoch fehlt ihr ein wenig das Beeindruckende.
Zum Abschluss unseres Besuches spazieren wir noch kurz zum Wahrzeichen des State Parks, dem Elephant Rock. Und tatsächlich wirkt dieser skurile Felsen wie ein riesiger Elefant, samt Rüssel, der von einer kleinen steinernen Natural Bridge gebildet wird.
Nach Verlassen des State Parks lassen wir den Abzweig zum nahen Lake Meade rechts liegen und nutzen die Durchfahrt durch das langgezogene Straßendorf Overton für eine Einkehr bei SUBWAY.
Weiter Richtung Osten sind wir wieder auf der Interstate 15 unterwegs, die hier Las Vegas Freeway heißt. Durch trockene und menschenleere Steppe rollen wir nun bei mäßigem Verkehr entspannt dahin. In Mesquite geht es hinab ins Tal des Virgin Rivers, dort passieren wir auch die Grenze nach Arizona.
Vor uns ragt bald eine massive Felswand auf. Wo wird die Autobahn dort weitergehen? Ein Spalt in der steinernen Kulisse bildet den Austritt der Virgin River Gorge, einer engen Schlucht, in welche die Interstate hineinbiegt und schnell an Höhe gewinnt. Eine Autobahn unter solch engen Bedingungen sollte eigentlich gar nicht funktionieren, aber doch: In engen und engsten Kurven, über Brücken und um Felsnasen herum geht die Fahrt, rechts und links ragen die Wänder des schmalen Canyons senkrecht empor. Auf Tunnel, die eigentlich logischste Wegführung, wurde beim Bau dagegen interessanterweise verzichtet. Hier ist wegen der engen Kurvenradien das Tempo auf 55 Meilen begrenzt, was jedoch die Trucks nichts anzugehen scheint, brausen sie doch mit unvermindertem Tempo durch die engen Bögen und die steile Strecke hinauf.
Oben auf einem Hochplateau angekommen verlassen wir Arizona nach 47 Kilometern schon wieder und erreichen Utah.
Nun ist es nicht mehr weit und Washington City schnell erreicht.
Unser Hotel ist das moderne Best Western Plus Settlers Point. Dieses erweist sich als die bisher mit Abstand schickste Unterkunft unserer Tour, wobei uns ehrlich gesagt ein persönlicher Kontakt wie bei Patty in Pahrump deutlich lieber ist als der Charme eines Kettenhotels.
Nach dem Einchecken steuern wir wieder einen Walmart an. Wegen der in unserem Auto im Vergleich zum Kühlschrank-Luxus eines Wohnmobils nur rudimentären Möglichkeiten zur Aufbewahrung von Lebensmitteln müssen die Einkaufsintervalle entsprechend kürzer ausfallen.
Apropos Kühlung: In Marina hatten wir vor drei Tagen eine Kühlbox gekauft. Bei dieser hat sich gestern der Reißverschluss an der Öffnung verabschiedet. Dank Walmart kein Problem, die Reklamation eines vier Bundesstaaten entfernt gekauften Artikels klappt reibungslos, und wir können eine neue Box kaufen, diesmal ohne empfindliche Verschlüsse.
Wegen der Zeitumstellung auf die in Utah geltende Mountain Time - das heißt eine Stunde vor - bricht der Abend recht schnell herein.
Wir dinnieren also zu ungewohnt später Stunde im Hotelzimmer und lassen den Tag ausklingen.