Mittwoch, 7. Juni 2023

05. Juni 2023 Fresno CA - Lone Pine CA

Heute wollen wir den Kings Canyon National Park besuchen, zumindest den Teil, der nach den vielen Schneefällen des letzten Winters wieder befahrbar ist. Die Durchfahrt durch den Sequoia National Park ist weiterhin gesperrt, hier wird die Öffnung erst Ende Juni erwartet, was uns bereits zu entsprechenden Umplanungen zwang.
Die Sonne lacht, als wir um halb acht starten. Das Navi lotst uns durch den vielspurigen Berufsverkehr der Großstadt. Bald haben wir Fresno den Rücken gekehrt und rollen den im Dunst bereits erkennbaren Bergen entgegen.
Nach Verlassen der Ebene beginnt eine gut ausgebaute Bergstraße, die zunächst durch eine locker bewachsene mittelgebirgsartige Landschaft führt.
Hinter dem kleinen Dorf Squaw Valley, nicht verwandt mit dem gleichnamigen Olympiaort der Winterspiele von 1960, und einer für die Einsamkeit bemerkenswert günstigen Tankstelle - blöd, dass wir bereits  deutlich teurer in Fresno getankt haben - wird es nochmals steiler. 
Nach eindreiviertel Stunden Fahrt taucht vor uns das Eingangsschild des Nationalparks auf. Hier sind wir auf fast 2.000 Metern Höhe, die Luft ist herrlich frisch und es duftet nach Bergwald.
An der Einfahrtskontrolle kaufen wir wieder den bewährten "America the beautiful"-Pass, die Jahreskarte für alle US-Nationalparks.
Die Möglichkeiten im Park sind durch die genannten Straßensperren beschränkt. Es ist weder die Fahrt hinab in den eigentlichen Kings Canyon möglich noch die Fahrt durch den Sequioa National Park - man könnte in diesen zwar hinüber- und hineinfahren, müsste jedoch auf gleichem Weg wieder zurück. Zum Glück ist seit einigen Tagen zumindest wieder die Besichtigung des Grant Grove möglich, dem Biotop einiger Sequioa- Baumgiganten. Dieses kann man von einem Parkplatz aus auf einem Rundwanderweg erkunden. 
Die Bäume sind unbeschreiblich. Das Raumvolumen ihrer knorrigen Stämme wirkt so groß wie das von dicken Schornsteinen, und um ihre Wipfel zu sehen muss man selbst aus einigem Abstand den Kopf weit in den Nacken legen.
Der Baumstamm eines offensichtlich vor Äonen umgefallen Baumes ist hohl, und man kann durch ihn hindurchgehen wie durch einen hölzernen Tunnel ohne sich irgendwo bücken zu müssen. 
An einem großen Baumstumpf steht auf einem Schild, dass Teile des Stammes dieses Baumes 1875 in Philadelphia ausgestellt worden waren; die Menschen der Ostküste konnten nicht glauben, dass dies der Teil eines einzigen Baumes sei  und nannten ihn "Californian hoax".
Höhepunkt des Rundweges ist der General Grant Tree, nach dem General Sherman Tree drüben im Sequioa-Park der zweigrößte lebende Baum der Welt. Er ist über 1.700 Jahre alt und unglaubliche 81 Meter hoch; sein Stamm misst beinahe neun Meter im Durchmesser, eine Kette von 11 Menschen wäre nötig, um seinen Stamm zu umfassen. Solche Zahlen braucht es auch, um das Gigantische dieses Riesen irgendwie erfassbar zu machen, denn seine Ausmaße kann man, wenn man vor ihm steht, allenfalls erahnen.
Um so alt zu werden, braucht es pfiffige Überlebensstrategien. Zum Beispiel ist das Holz von Taninen durchzogen, die es sehr widerstandsfähig gegen die regelmäßigen Waldbrände machen. Auch die Fortpflanzung braucht den Waldbrand: Die Zapfen entlassen die Samen des Baumes in der Regel erst bei Austrocknung oder nach starker Hitzeeinwirkung, wie sie eben bei einem Brand entsteht.
Tief beeindruckt fahren wir anschließend noch zum Kings Canyon Lookout, von dem man einen schönen Blick auf die über dem Nationalpark aufragenden schneebedeckten Berge der Sierra Nevada hat. Dabei passieren wir auch eine Waldbrandzone mit verkohlten Bäumen, ein endzeitmäßiger Anblick, der zum Glück bald wieder von grünen und gesunden Bäumen abgelöst wird.
Nach Verlassen des Nationalparks geht es über eine äußerst kurvenreiche Straße nun Richtung Süden und wieder in die Ebene hinunter. Beim WALMART in Visalia kaufen wir unser Mittag- und Abendessen, dann beginnt der Autobahn-lastige Teil des Tages, müssen wir doch heute noch um die Sierra Nevada herum. Also fahren wir auf den California Freeway 99 Richtung Süden auf und wechseln nach einer Stunde in der Öl- und Industriestadt Bakersfield auf die California 58, die uns über den Tehachapi-Pass führt. Jenseits des Übergangs mit seinen unzähligen Windrädern fahren wir hinab in die Mojave- Wüste, passieren den großen Flugzeugparkplatz und -friedhof in Mojave und biegen in die US 395, die uns - nun auf der Rückseite des Gebirges - wieder nordwärts leitet.
Die nun folgenden 100 Meilen werden zäh.  Der Highway verläuft zum Glück nicht nur schnurgerade, sondern bietet zum Beispiel mit der Durchfahrt durch den Red Rock Canyon State Park mit seinen roten Felswänden, einigen kleinen Joshua Trees rechts und links oder den hohen schroffen Bergen im Westen sogar einige Kurzweil. Oft zieht sich die vierspurige Straße jedoch auch etliche Meilen bis zum Horizont. Dazu ist es ziemlich windig, "Gusty Winds Ahead" warnen große Leuchtschilder.
Der Himmel wird dunkler, je weiter wir vorankommen, war es vorher schon stark bewölkt, wirken die Wolken nun beinahe bedrohlich. Wir haben hier in der Wüste ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass der Scheibenwischer Regentropfen von der Windschutzscheibe wischen muss.
Dann wird es wieder heller, und als wir kurz vor unserem Tagesziel an einem Salzsee entlangfahren, kommt sogar kurz die Sonne wieder heraus.
Wir schlafen heute auf einem Campground, dem Boulder Creek RV Park in Lone Pine, der neben RV-Stellplätzen auch Cabins zum Übernachten anbietet. 
Der Platzchef begrüßt uns sehr freundlich. Er kann ein wenig Deutsch, da er vor vielen Jahren als Fremdenführer in Los Angeles des öfteren auch Touren für Deutsche angeboten hat und ist traurig, dass er so vieles von unserer Sprache vergessen hat.
Als wir erzählen, dass wir den Sequoia National Park nicht besuchen konnten, meint er, es habe unglaublich viel Schnee in der Sierra Nevada gegeben. Am Pass hinüber zum Yosemite National Park seien 15 Meter Schnee gefallen, und es wäre völlig offen, ob der Pass heuer noch öffnen würde; über diesen Übergang wollten wir eigentlich in drei Wochen in eben diesen Nationalpark überwechseln. Bahnt sich uns hier womöglich eine größere Umplanung unserer Tour an?
Die Cabin, eigentlich ein Flachdachhaus von der Größe eines 40 Fuß-Containers, enthält genau das, was man als Übernachtungsgast braucht. Ein Schlafzimmer, ein Badezimmer, eine Kochecke und vor dem Häuschen ein Platz fürs Automobil.
Beim Auspacken werden wir angesprochen von einem älteren Herrn, der seine beiden Möpse spazieren führt. Ob wir aus Missouri kämen, fragt er wegen unseres Nummernschildes. Nein, antworten wir, nur das Auto. "I have been twice in Munich, it was fantastic"  und "In Germany everything was perfect". Er habe lange zurückliegende deutsche Wurzeln, meint er noch, aber sein Name sei noch so dermaßen deutsch, dass er ihn hier in Amerika sehr oft buchstabieren müsse. 
Wir machen noch einen kurzen Abendspaziergang über den Platz. Auf der einen Seite liegt in der Ferne der Salzsee von vorhin, auf der anderen Seite ragen über uns die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada auf, dank des starken Windes völlig frei. Einer dieser Berge ist der Mt. Whitney, mit 4.421 Metern der höchste Berg der USA außerhalb Alaskas.
Zurück an unserer Unterkunft stellen wir fest, dass sich die Klimaanlage im Haus nicht abschalten lässt und kontinuierlich unerträglich kalte Luft in den Koch- und Essbereich bläst. Auch der herbeigebetene Platz-Hausmeister weiß hierzu keinen Rat, wirkt aber um halb 10 auch ziemlich lustlos; eigentlich habe er jetzt schon Feierabend, meint er, und macht sich dann auch ebenso zügig wie unauffällig aus dem Staub. Schließlich kommt uns auf unsere nochmalige Nachfrage der Platzchef zur Hilfe. Er demontiert die halbe Klimaanlage und findet zu unser aller Erstaunen eine aus welchem Grund auch immer darin steckende Serviette, die den Empfänger der Fernsteuerung und damit auch unser Ausschalten blockierte. Ende gut alles gut.