Dienstag, 6. Juni 2023

04. Juni 2023 Monterey CA - Fresno CA

Es ist ein wenig neblig, als wir in der Frühe den Vorhang öffnen, und geregnet hat es in der Nacht wohl auch, denn die Autos sind nass. Viel bedeutsamer ist jedoch, dass dem Wetterbericht sein gestriger Optimismus mit Sonne ab 9 Uhr abhanden gekommen ist; allenfalls gegen 14 Uhr oder vielleicht auch später könnte es ein paar Sonnenstrahlen geben, lautet jetzt sein Tenor.
Nun ja, man muss das Wetter nehmen wie es kommt, und zumindest regnet es nicht.
Heute bekommen wir kein Hotelfrühstück, statt dessen fahren wir ein kurzes Stück zum Black Bear Diner, der uns im Internet empfohlen worden war. Und tatsächlich erwartet uns ein rustikales amerikanisch- gemütliches Ambiente mit umfangreichem Frühstücksangebot. 
Das Essen ist ausgezeichnet, der Kaffee wird fleißig nachgeschenkt, und auf die Kalorien schauen wir heute nicht.
Gut gestärkt fahren wir wieder auf die California 1 auf, die von hier aus in südlicher Richtung stets direkt an der einsamen Küste entlang führt - eine der schönsten Straßen der USA die wir 2019 in ganzer Länge befahren hatten. Jedoch war damals das Wahrzeichen der Straße, die spektakuläre Bixby Bridge, wegen Bauarbeiten nicht zu sehen; diesen Ausblick wollen wir heute nachholen.
Wie schon vor vier Jahren begeistert uns diese herrliche Straße, auch wenn das weiterhin dunstige Wetter deutlich schlechter ist als damals.
An der Brücke versperrt uns heute keine Baustelle die Sicht, einen Parkplatz bekommen wir auch. Und dann steht die große im Art déco gebaute Bogenbrücke vor uns, majestätisch hoch über dem Strand mit seiner tosenden Brandung. 
Eigentlich führt der Highway nun 100 Meilen durch die Küstenwildnis südwärts, ohne Möglichkeit zum Abbiegen. Momentan ist er jedoch auf halber Strecke wegen Bauarbeiten gesperrt, so dass man hier mit jedem Kilometer weiter in eine Sackgasse hineinfährt. Außerdem ist das Wetter weiterhin diesig, höher gelegene Straßenstücke führen direkt in die niedrig an den Bergen klebenden Wolken. Also entscheiden wir uns zum Umkehren und wollen statt dessen noch eine kleine Runde durch das hübsche Carmel-by-the-Sea drehen. Kurz vor dem Ort überqueren wir den Malpaso Creek; irgendwo hier wohnt Clint Eastwood, der seine Produktionsfirma nach diesem nahe seinem Haus vorbeifließenden Bach benannt hat. Er feierte vor kurzem seinen 91. Geburtstag, wie wir uns an einen Bericht über ihn erinnern, und beginnt in Kürze mit den Dreharbeiten zu einem neuen Film. Wie er dies in seinem Alter schaffe, lautete die Frage an ihn; seine Antwort beeindruckte uns sehr: "I get up every day and don't let the old man in."
Das gediegene Carmel - Clint Eastwood war hier ja auch Bürgermeister - gefällt uns auch bei unseren zweiten Besuch wieder sehr gut. Obwohl hier der sonntägliche Touri-Rummel herrscht, ist alles auf positive Weise originell und gleichzeitig sehr gediegen. Es gibt jede Menge hübsche Häuser und schön anzusehende Geschäfte. Und obwohl Carmel ein Promiwohnort schlechthin ist, unter anderem wohnten oder wohnen hier Doris Day, Kim Novack, Ernest Hemingway, Jack London, Jennifer Aniston oder Brad Pitt, ist keinerlei Snobismus spürbar. Das liegt an dem besonderen Lebensgefühl, dass das Städtchen pflegt; so gibt es hier nicht die üblichen Boutiquen-Ketten oder Restaurants, da hier keine Franchise-Unternehmen erlaubt sind. Auch sonst hat man hier das Image des Besonderen oder ein wenig Skurrilen. So gibt es weder Straßenlaternen noch Leuchtreklamen, weder Briefkästen oder Hausnummern; die Einwohner holen ihre Post aus einem Postfach ab, erst seit einigen Jahren wird die Post auf Wunsch ausgeliefert, was aber wohl kaum in Anspruch genommen wird. Und ganz kurios: Wer High Heels tragen will, braucht eine Genehmigung des Ordnungsamtes; diese Vorschrift aus den 1960er Jahren soll Schadensersatzklagen verhindern.
Wir verlassen nun die dunstige Küste und wenden uns landeinwärts. In Salinas fahren wir auf die US 101 auf, den von Mexico nach Kanada führenden Westküstenhighway, und biegen später ab Richtung Los Banos. Diese Straße überquert das Küstengebirge der Diablo Range über den Pacheco Pass. Der Pass ist nicht besonders spektakulär, führt in der Abfahrt jedoch am San Luis Reservoir vorbei, einem Pumpspeichersee für die landwirtschaftliche Bewässerung in der Tiefebene. Der dunkelblaue See liegt inmitten der gelben Hügel, ein herrlicher Kontrast.
Der Rest der Fahrt verläuft ereignisarm über schnurgerade Straßen, die von Plantagen in LPG-Größe gesäumt sind, auf denen wechselweise Mandeln, Orangen oder Aprikosen wachsen.
Durch Fresno, mit über 500.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Kaliforniens, leitet uns das Navi über diverse Freeways, bis wir unser heutiges Quartier erreichen, das Best Western Plus Fresno Inn. 
Nach dem Beziehen unseres eher einfachen Standardzimmers gehe ich noch über die Straße und streife eine Runde durch die Fashion Fair Mall, ein klassisches Einkaufszentrum, in dem ich bei Macy's eine günstige Levis erstehen kann.
Bereits jetzt fällt uns auf, dass man bei einer Reise mit einem RV deutlich mehr Kontakt hat als bei unserer diesjährigen Variante mit Übernachtungen im Hotel, Motel oder Blockhütten und dass uns dieser kleine Schnack mit den Amerikanern fehlt.