Samstag, 3. Juni 2023

02. Juni 2023 San Francisco CA

Egal was man anstellt um den Jetlag auszutricksen, die erste Nacht in Amerika endet stets pünktlich zur selben Uhrzeit. Wie erwartet ist also wieder einmal unsere Nacht um kurz nach vier zu Ende. Wir wälzen uns noch ein wenig hin und her, Susanne schläft sogar noch mal ein, dann geben wir auf und sind um 7 Uhr beim Frühstück. Dieses ist, nun ja, ziemlich übersichtlich; das in dem kleinen Raum gegenüber der Rezeption aufgebaute Buffett besteht vor allem aus Toast und abgepackten Teilchen, dafür ist der Kaffee super. 
Eine Schrecksekunde erlebt Oskar nach dem Frühstück. Wir stehen noch an der Rezeption, um für morgen das Shuttle zum Flughafen anzumelden, er ist zum Aufzug vorgegangen, hat die Tür geöffnet und wartet dann brav auf uns im Aufzug. Dieser wird in dem Moment jedoch von oben angefordert und macht was er soll: Die Tür schließt sich und er fährt nach oben Richtung 1. oder 2. Stock - mehr Etagen hat das Hotel nicht. Wir sind kurz verblüfft, wo Oskar ist, reimen uns aber schnell zusammen, was passiert sein muss. Kurz darauf öffnet sich die Aufzugtür wieder, und Oskar ist wieder da, begleitet von einem freundlichen älteren Ehepaar, das versucht, unseren entsetzten Zwerg zu beruhigen.
Heute haben wir uns einen Akklimatisierungstag freigehalten und wollen diesen in San Francisco verbringen, kennen wir von dieser Stadt bislang alleine die Zufahrt zur und die neblige Aussicht von der Golden Gate Bridge. Eine knappe Stunde Fahrtzeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln veranschlagt Google Maps für die Fahrt aus der Vorstadt San Bruno, wo unser Hotel liegt, bis nach Downtown.
Die Sonne lacht, dazu weht ein ordentlicher Wind, als wir aufbrechen. Für die kurze Fahrt zur Schnellbahnstation der BART - Abkürzung für „Bay Area Rapid Transit" - haben wir ein UBER-Taxi gebucht, das keine Minute nach Versand der Anfrage vorfährt. Gefahren wird es von einem Nepalesen, der hocherfreut ist zu hören, dass wir aus Deutschland kommen. Er habe dort auch ein paar Monate gelebt, in Kleve, in Weingarten und in Düsseldorf, und wendet gleich ein paar Elemente seines noch vorhandenen Wortschatzes an.
An der Station stellt sich zunächst die Frage, welches Ticket zu kaufen ist. Ratlos angesichts der Ticketautomaten mehrerer Verkehrssysteme fragen wir bei der Information um Rat. Diese rät uns zur CLIPPER CARD, einer für alle Verkehrsträger gültigen aufladbaren Plastikkarte, die sich dann auch ohne große Anleitung aus dem Automaten ziehen lässt. Der Zug kommt rasch, und wir sind auf dem Weg in die Stadt. Er ist sehr breit, kein Wunder, verkehrt die BART doch auf ansonsten kaum gebräuchlichen Breitspur- Gleisen, jedoch ist er auch ungeheuer laut. Diesem uralten Gefährt aus der Gründerzeit des BART-Netzes fehlt offenbar jegliche Lärmdämmung, so dass vor allem beim Quitschen in den  Kurven ein ohrenbetäubender Lärm herrscht. 
Wir sind froh, als wir an der Station Emarcadero die Bahn verlassen können. Hier treffen wir gleich auf eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt: Das Cable Car. Eine der drei Linien hat hier ihre Endstation und führt vor uns steil die schnurgerade California Street hinauf, ein ganz bekanntes Motiv.
Natürlich lassen wir uns diese Fahrtmöglichkeit nicht entgehen. Susanne kauft gleich über die San Francisco Muni Mobile-App für uns zwei Tageskarten für die völlige Cable Car-Freiheit, Oskar fährt in dem alten Gefährt noch umsonst.
Los geht die rumpelige Fahrt, mein Eisenbahnerherz hüpft vor Vergnügen. Man sitzt mit Beinen nach draußen auf Holzbänken, während der Lokführer mit einem langen Hebel den Halt am unter der Straße verlaufenden Stahlseil, dem Cable, variiert und damit schneller oder langsamer fährt; geht es bergab oder muss gehalten werden, greifen zusätzlich Bremsen lautstark zu. Diese Technik und überhaupt die ganze Art des Fahrens mit der Cable Car wirkt so herrlich anachronistisch, dass es eine pure Freude ist und man beim Fahren kaum das Gefühl hat, im Jahr 2023 unterwegs zu sein.
Am höchsten Punkt des Berges steigen wir aus, von hier oben hat man einen tollen Blick die California Street wieder hinunter.
Dann wechseln wir in die zum Fisherman's Wharf führende Linie. Diese führt auf kurviger Strecke durch Chinatown wieder hinunter auf Meereshöhe. 
Die wie Terrassen in den steilen Hang eingearbeiteten Querstraßen lassen Erinnerungen aufkommen an die legendäre Verfolgungsjagd von Steve McQueen in BULLIT.
An der Endstation befindet sich eine kleine Drehscheibe, mit der die Wagen wieder in die Gegenrichtung umgedreht werden können; dabei erfolgt sowohl das Rangieren der Waggons als auch das Drehen mit Muskelkraft. 
Von der Endstation ist das Hafenviertel Fisherman's Wharf nur drei Blocks entfernt. 
Auch wenn dieses zu San Francisco gehört wie die Golden Gate Bridge, ist das Viertel ziemlich abgerockt. Alles wirkt verrostet, heruntergekommen und auf billigen Touristennepp ausgelegt. Wir halten uns hier dann auch nicht lange auf und spazieren direkt am Wasser entlang hinüber zum Pier 39, wo uns vor allem die sich im Hafenbecken auf hölzernen Pontons tummelnden Seeelefanten anlocken. Zu Dutzenden liegen sie nebeneinander, ihr grunzendes Schreien liegt in der Luft, gelegentlich bricht irgendwo ein Streit aus - das ist wirklich ein imposanter Anblick.
Auch sonst ist der Ausblick von der Hafenmole famos: Auf einem Hügel über dem Hafenbecken Downtown San Francisco, in der Ferne lässt sich die Golden Gate Bridge erkennen, und direkt gegenüber die ebenso berühmte wie berüchtigte Insel Alcatraz.
Ebenso wie die Seeelefanten im Wasser tummeln sich am Pier 39 die Restaurants. Wir fühlen uns angezogen von einem Fish and Chips-Lokal, bei dem man windgeschützt draußen sitzen kann, und werden nicht enttäuscht.
Danach laufen wir zurück zur Cable Car- Station und fahren auf der Strecke von heute morgen wieder zurück bis zur gegenüber liegenden Endstation Powell, im geschäftigen Stadtzentrum gelegen. Wir könnten von hier aus noch eine Fahrt auf der dritten Linie machen, resignieren jedoch vor der langen Schlange von ebenfalls anstehenden Reisenden. Statt dessen schauen wir noch einmal zu, wie ein Cable Car-Wagen gedreht wird - wieder völlig von Hand - und beschließen angesichts der nahen BART- Station, dass es für den ersten Urlaubstag reicht. Wir werden auf jeden Fall wiederkommen, San Francisco hat uns sehr gut gefallen.
Unter der Dunstglocke diverser vor dem Bahnhof gerauchter Joints, ein Geruch, der heute schon gelegentlich zu erspähen war und der einem einen Hauch von Amsterdam gibt, gelangen wir zum Bahnhof und fahren mit dem BART-Zug wieder nach Milbrae zurück.
Nach einem Zwischenstopp in einem Target- Supermarkt in San Bruno zum Einkauf unseres Abendessens sind wir gegen halb fünf wieder an der Station in Milbrae.
Während wir auf unser UBER-Taxi warten sehen Oskar und ich in der Station noch eine schöne Diesellok mit einem Vorortzug, anschließend gelangen wir problemlos zum Hotel, wo wir den Tag in aller Ruhe beschließen und früh zu Bett gehen.