Freitag, 7. Juli 2023

29. Juni 2023 Point Arena CA - Mill Valley CA

Unser letzter Tag on the Road. Die Küste vor dem Hotelzimmerfenster hat sich passenderweise in Nebel gehüllt, das Meer ist kaum zu erkennen.
Wir frühstücken den Rest unseres Proviants, dazu holen wir uns leckeren Kaffee von der Rezeption.
Auch auf dem Weg zu unserem ersten Ziel, dem Point Arena Lighthouse, will sich der Nebel nicht lichten, scheint im Gegenteil immer dichter zu werden. Von der Einfahrt und Kasse des State Parks aus ist gerade einmal das Fundament des Leuchtturms zu erahnen. So macht eine Besichtigung keinesfalls Sinn. Etwas enttäuscht kehren wir also wieder um und machen von einer nahegelegenen Klippe aus ein paar Stimmungsbilder von der nebligen Küste, ohne Leuchtturm. 
Hier am Cap Point Arena ist Amerika Hawaii am nächsten, darauf macht das nahegelegene Lighthouse Point Resort aufmerksam als "First Cafe since Hawaii" beziehungsweise "Last Cafe Till Hawaii", je nachdem.
Einige Meilen südlich ein völlig anderes Bild: Wir fahren aus dem Nebel heraus in die helle Sonne. Warum der Nebel einen Teil der Küste verschont und den anderen nicht? Wir werden heute noch ein paar Mal die Nebelgrenze durchfahren, vom Trüben ins Licht und umgekehrt. Nur draußen auf dem Meer hält sich die Suppe hartnäckig.
Wieder macht die Fahrt entlang der einsamen Küste einfach nur Spaß. Ein schöner Ausblick folgt dem nächsten, mehrmals halten wir während der sonnigen Passagen an den View Points an und genießen die herrliche Stimmung. 
Einen längeren Besichtigungsstopp machen wir im Fort Ross State Historic Park. Von 1812 bis 1841 war Fort Ross - der Name kommt vom russischen Россия / Rossija für Russland - eine befestigte Siedlung des zaristischen Russlands und Niederlassung der "Russisch-Amerikanischen Handelskompanie in Kalifornien. Als südlichster Außenposten Russisch-Amerikas diente es sowohl als Stützpunkt für die Pelztierjagd als auch der Versorgung von russischen Handelsniederlassungen in Alaska mit Lebensmitteln. Mit dem Rückgang der Seeotterbestände, unzureichenden Erfolgen in der landwirtschaftlichen Nutzung und zunehmenden Schwierigkeiten, ihre Gebietsansprüche gegen den wachsenden Druck durch mexikanische und amerikanische Siedler aufrechtzuerhalten, erwies sich die Siedlung seit den 1830er Jahren zunehmend als unwirtschaftlich und wurde schließlich aufgegeben. Heute erinnert eine gut gemachte Teil-Rekonstruktion der Befestigungsanlage samt Kirche und einiger Häuser an die russische Kolonialhistorie in Amerika. Der Rundgang macht Spaß, zeigt er doch einen uns völlig neuen Aspekt der Geschichte Amerikas.
Kurz darauf erreichen wir eine Steilküste, an der die Straße hoch über dem Meer geführt wird; wie schon an anderen Stellen während unserer Reise sind auch hier die Leitplanken eher in homöopathischer Häufigkeit gesetzt, was dieser Passage einen unwillkommenen Nervenkitzel verleiht. An höchster Stelle erreichen wir eine Baustelle samt Sign Man. In schwindelerregender Höhe stehen dort die Baufahrzeuge gefühlt direkt am Abgrund, kein Arbeitsplatz für Zartbesaitete.
Direkt dahinter fahren wir in den Mündungsbereich des Russian Rivers hinab. Hier liegen auf einer großen etwas entfernten Sandbank Seelöwen in langen Reihen in der Sonne, ein Anblick, der uns an Piedras Blancas bei Santa Barbara erinnert, wo wir den Tieren ganz nahe kommen konnten.
Weiter geht's entlang der Küste und ihrer schönen Buchten und herrlicher Felsen und Kliffs. 
Nach Bodega Bay, Schauplatz von Hitchcocks DIE VÖGEL fahren wir nicht hinein; dort lassen sich zwar noch einige der weit auseinander liegenden Drehorte erahnen, viel spektakulärer ist da jedoch das wenige Meilen entfernt im Landesinneren gelegene Bodega: Hier findet sich die von Hitchcock als Schauplatz auserkorene Schule. Bis auf die viel größeren Bäume hat sich das aus dem Film vertraute Gebäude kaum verändert, auch die Straße, auf der die Kinder bei ihrer Flucht entlang laufen, ist noch erhalten.
Nur das Spielgerüst, auf dem sich die Vögel in der gespenstischsten Szene des Films versammeln, während sich Tippi Hedren und Suzanne Pleshette ahnungslos davorsitzend unterhalten, ist nicht zu entdecken. Ein irgendwie surreales Gefühl, dass genau hier der Größte aller Regisseure am Set gesessen und die Dreharbeiten gelenkt hat. 
Wir sind nicht die einzigen Besucher, es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen: Eine Oldtimer-Ralley führt hier vorbei und sorgt für einen stilvollen Vordergrund, Oskar darf sogar mal Probesitzen in einem der Oldtimer. Eine Familie aus Texas läuft wie damals die Schulkinder auf Papas Handykamera zu, eine Gruppe Asiaten macht Selfies; "Did you see the movie?" fragt mich eine Frau; "A Hundred times" antworte ich; "Me too"  - lächelndes Einverständnis unter Filmfans.
Langsam aber unabänderlich nähern wir uns nun San Francisco und kosten daher jede Meile aus. In Tomales, einem Dorf an der hier zur Nebenstraße gewordenen California #1, kaufen wir uns in einem Deli leckere Cordon Bleu-Sandwiches und essen sie auf einer Bank vor dem Geschäft. Das Dorf erscheint wunderbar gemütlich mit General Store, Post Office, einer Wirtschaft namens William Tell House sowie einem früheren Bankgebäude, das heute "Not a Bank" heißt und eine teure AirBnB-Unterkunft ist, die Susanne noch aus ihrer Suche nach  Übernachtungsmöglichkeiten kennt.
Nach einigen Meilen kommen wir ein letztes Mal an den Pazifik und fahren an der fjordartigen Tomales Bay entlang. Hier umhüllt uns auch wieder der Küstennebel. In Nicks Cove, einer winzigen Siedlung mit großem Seafood-Restaurant, ergibt sich ein stimmungsvolles Bild mit einem großen ins Wasser und in den Dunst hineinragenden Steg vor einer kleinen Insel.
Pont Heyes bildet das Ende der Bucht. Kurz dahinter wenden wir uns vom Meer ab, verlassen die California #1 und fahren auf einer kleinen Straße durch Farmland und den Wald des Samuel Taylor State Parks westwärts. 
Fairfax und San Anselmo heißen die Städtchen unterwegs, sehr sympathische Gemeinden; hier könnte man sich niederlassen, was man ja weiß Gott nicht von sehr vielen amerikanischen Ortschaften sagen kann.
Wieder einmal stoßen wir auf die US 101, folgen ihr eine Handvoll Meilen südwärts und erreichen in Mill Valley das an einem Ausläufer der San Francisco Bay gelegene Aqua Hotel Mill Valley, unsere letzte Unterkunft.
Das Haus hat Klasse, das merkt man sofort. Der Empfang ist sehr freundlich, das Zimmer mit Terrasse gefällt uns gut, und es gibt ein nachmittägliches Buffet mit Wein, Käse und ofenwarmen Cookies, an dem wir uns reichlich bedienen. 
Dann fangen wir an mit dem Packen; es gilt, unsere über das Auto und diverse Taschen und Tüten verteilten Habseligkeiten in drei große und einen kleinen Koffer zu konzentrieren.
Da der Abend spät wird bevor wir fertig sind, vertagen wir nach einem letzten Schluck Wein den restlichen Packstress auf morgen.