Was haben wir nicht alles gelesen über den Yosemite National Park: Wunderbar paradiesische Natur, klar, aber auch Massenandrang, Parkplatznot und totale Überfüllung vor allem am Wochenende. Und heute ist Sonntag, ließ sich nicht anders machen.
Wir stellen den Wecker auf 6 Uhr, sitzen weit vor sieben im Auto, und haben direkt das unangepasste Gefühl der Hetze - das absolute Gegenteil von dem was ein National Park darstellen sollte.
Jeder rast den Yosemite Highway hinauf, es wird überholt und gedrängt.
Als sich aber die Straße von Fresno mit unserer vereinigt, sind wir mitten im erwarteten Verkehrschaos. Auf einer doppelspurigen Einbahnstraße wälzt sich der Verkehr dicht gedrängt den beiden Großparkplätzen am Talende entgegen.
Erste landschaftliche Kostbarkeiten wie der Bridalveil Fall gleiten in der Hetze am Autofenster nahezu unbeachtet vorbei.
Wir wählen den Parkplatz am Visitor Center, und der ist unglaublicherweise um kurz vor acht bereits voll, etliche Autos drehen ihre Runden, und es werden immer mehr.
Susanne hat schon jetzt die Nase voll und spricht ihren Frust offen aus: "Dieses Chaos soll ein Nationalpark sein? Wie soll das schön sein? Da verzichte ich gerne drauf, egal wie traumhaft es hier ist." Und sie trifft eine Entscheidung: "Schau Du Dir alles an, ich fahre ins Hotel zurück und gehe mit Oskar auf den Spielplatz oder in den Pool. Vielleicht machen wir auch einen Mittagsschlaf."
Also packe ich meinen Rucksack aus dem Auto, wir vereinbaren einen Treffpunkt für den Abend, und die beiden rollen vom Parkplatz.
So werde ich mir den Park alleine anschauen, also nur ohne meine beiden, nicht wirklich alleine, dafür sind einfach zu viele Leute da.
Ich gehe als erstes zu den Yosemite Falls, der fünfthöchste Wasserfall der Welt. So nervig der viele Schnee für uns bei unserer Tour ist, hier und bei den anderen Wasserfällen im Nationalpark sorgt sein Schmelzwasser für eine Wasserpracht, die für den Juni wohl ihresgleichen sucht.
Von Ferne kann man beide Fälle der Yosemite Falls betrachten, von nahem steht man dicht vor dem unteren, die Gischt weht wie ein Nieselregen herüber und ich bin dankbar für meine eingepackte Regenjacke.
Dann wandere ich über die Meadows, die Wiesen des Tals, etwas abseits der Massen, und über die Swinging Bridge über den Fluss. Welch eine Landschaft umgibt mich, welche Felswände rahmen dieses Tal ein, ein Wahnsinn.
Dann komme ich an die Talstraße, und mich hat die Yosemite-Realität wieder: Wie auf einer Großstadtstraße wälzt sich der Verkehr durch das Tal. Dieser Kontrast wird den Tag prägen: Man muss stoisch und beinahe autistisch den Trubel übersehen, um überhaupt einen Blick für die phantastischen Landschaftsbilder zu bekommen - es ist ein wenig wie New York, ein Betrieb und Verkehr wie auf der Fifth Avenue, nur mit Felsen und Wasserfällen statt Hochhäusern.
Ein Shuttlebus-System soll die Menschen durch das Tal transportieren, jedoch sind die wenigen Busse, die fahren, völlig überlastet; lange Menschenschlangen stehen an den Haltestellen in der Hoffnung, in einem der nächsten, jedoch bereits überfüllten Busse einen Platz zu bekommen. Andere Stationen werden, obwohl in den aktuellen Plänen aufgeführt, einfach ausgelassen; nur Dank des Mitgefühls einer Busfahrerin konnten eine Familie und ich an einer solchen Haltestelle einsteigen.
Die hier Verantwortlichen sollten sich ein Beispiel am Zion NP nehmen, wie man ein ordentliches Busshuttle-System organisiert. Oder den Arches NP, um zu lernen, wie man mit Permits den Zugang auf ein für die Natur und die Besucher vernünftiges Maß begrenzt. Hier wird statt dessen noch die Zufahrt gewährt, obwohl bereits alles völlig überquillt.
Ob dieser Trubel, dieses Belastung der Natur, dieses offensichtliche Mit den Füßen-Treten von vielem, für was ein Nationalpark stehen soll, tatsächlich der Sinn der Sache ist?
1903 plante Präsident Theodore Roosevelt ein Treffen mit dem Naturschützer- und Fernwanderlegende John Muir, um besser zu verstehen, was für die Wildnis im Westen und zu ihrem Schutz getan werden konnte: "Ich werde die Politik vier Tage ruhen lassen, um mit Ihnen draussen in der Natur zu sein." Die beiden campierten eben hier im Yosemite Valley und tauschten sich über den Naturschutz aus. In der Folge setzte sich der Präsident dafür ein, dass Kalifornien das Yosemite Valley zu einem Nationalpark erklärte, und in seiner weiteren Amtszeit wurden fünf weitere Nationalparks gegründet. Dies war der Grundstein für das gesamte Nationalparkwesen in den USA. Ob sich Präsident Roosevelt und John Muir bei ihrem Treffen so etwas wie den heutigen Betrieb hier haben vorstellen können?
Ich wandere über den Valley Loop Hike in Richtung El Capitan. Dieser ist leider bald unpassierbar, da ein Bach wegen des vielen Schmelzwassers nicht überquerbar ist. Also laufe ich wie viele andere an der Hauptstraße entlang, bis an einer Picknick Area ein Waldweg zum El Capitan abzweigt. In diesem Teil des Tales brennen einige Prescribed Fires, kontrollierte Brände. Diese sollen, so erläutern einige Schautafeln, zum einen die Vegetation und das Unterholz ausdünnen, um schwere Waldbrände zu verhindern, zum anderen bedürfen bestimmte Pflanzen wie die Sequioas für die Aussaat eben einen Waldbrand, dieser wird so kontrolliert simuliert.
Unterhalb der Tausend Meter- Wand des El Capitan kann man mit Spektiven in die Steilwand hinauf schauen und Bergsteiger beim Aufstieg beobachten; ich bekomme eine Gänsehaut der Ehrfurcht, als ich die winzigen Punkte betrachte.
Neben den Ferngläsern stehen Park Ranger und Kletterer des American Alpine Clubs, die Fragen über das Klettern in dieser Riesenwand beantworten, "Ask a Climber" heißt dieses Programm. Im Moment sei viel Betrieb, meinen die Experten, etwa 10 Gruppen sind derzeit in der Wand, und sie bräuchten je nach Route und Können etwa drei bis vier Tage für die Durchsteigung.
Mein letztes Ziel für heute hier im Tal ist der Vernal Fall im hintersten Talabschnitt, der nur mit einem halbstündigen Anstieg erreichbar ist. Zu diesem Trailhead nehme ich den Bus. Dort angekommen finde ich mich erneut im absoluten Gegenteil von allem wieder, was man allein sein nennen könnte. Hunderte gehen mit mir den asphaltierten Weg hinauf oder kommen mir entgegen, vom Kinderwagen bis Rollator sind hier alle Altersgruppen vertreten. Immerhin habe ich das Hochgefühl, zwei Kilometer auf dem John Muir-Trail zu gehen; dieser berühmte Fernwanderweg startet hier im Yosemite, führt hinüber zum Kings Canyon und Sequioa National Park und endet dort am Mount Whitney, dem höchsten Berg der USA außerhalb von Alaska, den wir ja von Lone Pine aus sehen konnten.
Die letzten Meter Aufstieg erfordern wieder Regenschutz, so sehr stiebt die Gischt durch die Luft. Über nun recht glitschige, erstaunlich steile und ungesicherte Stufen gelange ich zum Aussichtspunkt, dann stehe ich vis-à-vis zum Wasserfall. Gigantisch und mit lautem Getöse rauscht das Wasser vor mir über eine hohe Geländekante. Alles ist nass, wie ein intensiver Nieselregen ziehen Schwaden von Wassertropfen an mir vorbei, unten bildet sich ein Regenbogen. Es ist betörend eindrucksvoll, majestätisch, fast ist dies das Idealbild eines Wasserfalls. Ich stehe und staune.
Der steile Weg führt nun noch weiter hinauf, wie eine etwas ausgesetzte Himmelsleiter im Regen, bis zum oberhalb dieses Wasserfalls gelegenen Nevada Fall. Viele Menschen sind dorthin unterwegs, Familien mit zum Teil recht kleinen Kindern, Jungvolk in Partylaune, Selfie-posierende Instagram- Influencerinnen, offensichtlich überforderte Sonntagsspaziergänger; eine ältere Frau stürzt direkt vor mir, kann aber zum Glück sicher auf ihrem Hosenboden landen. Es sind jedoch auch Bergsteiger mit Steigeisen und Schneeschuhen am Rucksack unterwegs, die es noch viel weiter hinauf zieht.
Ich entscheide mich gegen ein Weitersteigen auf diesem wie ich finde nicht ungefährlichen Weg, ich bin mit diesem Naturspektakel hier völlig zufrieden.
Eine andere Wanderin denkt ähnlich, "Did you see the rainbow?" fragt sie mich, als wir gleichzeitig umkehren. Das Glück liegt eben in den kleinen Dingen.
Unten an der Bushaltestelle hat sich inzwischen eine fast hundert Meter lange Schlange gebildet, alle wollen mit dem Shuttlebus zum Parkplatz. Da stelle ich mich nicht an, denke ich mir, und entschließe mich, zurück zum Visitor Center und zum Treffpunkt mit Susanne und Oskar zu laufen. Eine gute Entscheidung: Zum einen kommt mir ewig kein Bus entgegen; zum anderen und viel schöner jedoch ist der herrliche Blick auf den Half Dome im Abendlicht, eine weitere dieser epischen Yosemite- Felswände.
Während ich auf Susanne warte, setzt sich ein Pärchen aus Gelsenkirchen neben mich, das mit einem RV durch einige Nationalparks unterwegs ist. Auch sie empfinden den Zwiespalt zwischen Naturparadies, Nationalpark, Überfüllung und Desorganisation als ziemlich verstörend.
Als ich wieder zu meinen Lieben ins Auto steige, erzählen sie mir, was sie an diesem Tag erlebt haben:
Die beiden sind nach dem Parkplatz-Chaos am Visitor Center nur wenige Meter weitergefahren zur El Capitan Picnic Area um dort die Toilette ohne meterlanges Anstehen aufzusuchen und finden ironischerweise sofort einen Parkplatz. Die Picnic Area lädt zum Verweilen ein, ist sie bis auf ein paar junge kletterbegeisterte Leute noch ruhig, leer und idyllisch. Oskar ist begeistert von diesem weitläufigen „Spielplatz“ unterhalb dieser phänomenalen Steilwand und so beschließen die beiden, dort die als Brotzeit vorbereiteten Bagels zu frühstücken und zu warten, ob ich nicht doch eventuell noch zufällig zu ihnen stoße. Gegen halb elf und mit der Beobachtung, wie unzuverlässig und unregelmäßig die Shuttle-Busse an den immer länger werdenden Warteschlangen ankommen, brechen sie nun doch Richtung Hotel auf. Bis zum Nachmittag verbringen die beiden gemütlich beim Spielen auf dem Spielplatz und entspannt im Hotel, fernab des Trubels im Nationalpark.
Nun am frühen Abend - es ist inzwischen nach sechs - erleben Susanne, Oskar und ich überraschenderweise eine ganz andere, völlig entspannte Atmosphäre im Park. Die Massen haben sich inzwischen auf den Heimweg nach San Francisco, Fresno, San Jose oder sonstwo gemacht, und nun ist alles ruhig. Wir halten kurz noch einmal am El Capitan, dann steuern wir den Tunnel Overlook an, gelegen an der weiter oben gesperrten Straße zum Glacier Point. Dies ist der Aussichtspunkt schlechthin, die Mutter aller Overlooks: Wir schauen über das gesamte perfekt von der Abendsonne ausgeleuchtete Yosemite Valley hinweg; links der monumentale El Capitan, geradeaus der Half Dome, rechts rauscht der Bridevail Fall über eine riesige Felswand in die Tiefe. Und über alle Zivilisationsspuren hinweg und über allem was so verstörend war heute, deckt sich ein geschlossenes Waldgebiet, überblendet den gesamten Talboden. Dieses Panorama ist phantastisch, umwerfend, ein Blick, der weltweit - so viel kann man behaupten - wohl Seinesgleichen sucht. Dieser Aussichtspunkt stand seit langem auf meiner Bucket List, und ich bin froh und dankbar, dass wir das hier und heute so erleben dürfen.
Danach müssen wir im Tal noch einmal der inzwischen wie leergefegt wirkenden Einbahnstraße folgen und kommen so unmittelbar am Bridevail Fall vorbei. "Sollen wir noch anhalten?" fragt Susanne, "Klar".
Und so laufen wir drei die zehn Minuten bis an den Fuß des Wasserfalls, so weit, dass uns die Gischt gerade nicht erreicht. Und wieder: Welch ein Anblick. Das Wasser schießt hoch über uns über die Felskante, fällt mit wildem Gebrause 188 Meter herunter, und ganz unten bildet sich ein herrlicher Regenbogen.
Diese letzte Stunde ist ein einziger Traum, der Höhepunkt des Tages. Und sie entschädigt für alles, was für uns dieses eigentliche Paradies den Tag über so überschattet hat.